Moin

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Moin

Beitragvon MonkeyInTheFog » 13. April 2020, 15:31

Hallo,

ich bin letzte Woche auf das Thema schizoide Persönlichkeit(sstörung) gestoßen und habe leicht ungläubig besagten Wikipedia-Artikel gelesen und mich dann gefragt, wieso mir Schizoidität nicht schon längst unter die Augen gekommen ist. Wie vermutlich viele vor und viele nach mir habe ich mich dort sehr stark wiedergefunden und bin nun hier, um mich mit der Thematik mehr zu beschäftigen und festzustellen, inwiefern ich denn nun betroffen sein könnte bzw. in die Richtung tendieren könnte.

Eine Störung würde ich, in guter alter Online-Selbstdiagnosen-Manier, eher ausschließen, schizoide Züge hingegen … nun, ich komme aus dem Staunen immer noch nicht ganz raus, wie gut und wie viel da auf mich passt. Allerdings finde ich das eher interessant und hilfreich, ein Persönlichkeitsbild inklusive Störung zu finden, das mir so nahe kommt – weil ich tatsächlich endlich einmal meine seltsamen Empfindungen psychologisch erfasst gefunden habe. Zudem ist mir bewusst, dass alle Persönlichkeitsstörungen eine pathologische Extreme von nicht-pathologischen Mustern sind und dass klare Grenzen und Diagnosen ähnlich schwierig sind, wie überhaupt solch abstrakte Beschreibungen mit der tatsächlichen Ambivalenz eines Menschen zu vereinen.

Detaillierter mit persönlicheren Einzelheiten würde ich mich eher im nicht-öffentlichen Bereich noch einmal vorstellen. Hier nur mal so viel:

Ich bin nun Anfang 30 und habe mehr oder minder mein halbes Leben mit Depressionen verbracht. Wobei ich selten schwere depressive Phasen hatte, sondern stattdessen das Krankheitsbild der Dysthymie, der chronisch depressiven Verstimmung mir zu passen scheint.
Diagnostiziert ist allerdings nichts, ich war nie in Therapie. Da mein Gemütszustand lange Zeit auch mit philosophischer Beschäftigung mit Pessimismus, Nihilismus und Lebensverneinung verbunden war, schien mit der Gang zum Therapeuten immer ziemlich sinnlos, denn was sollte der Therapeut denn schon machen? Die grausame Welt ändern kann er ja auch nicht und meine Einstellung dazu ändern wäre Verrat, Heuchelei und Falschheit – so zumindest dachte ich lange.

Heute denke ich eher, dass es besser gewesen wäre, dass ich mir einen Therapeuten gesucht hätte. Gleichzeitig muss ich aber auch gestehen, dass es mir doch irgendwo auch richtig und natürlich scheint, dass ich das nicht getan habe, dass ich damit selbst fertig geworden bin. Ich schiebe das aber vor allem auf einen dummen Stolz und nicht so sehr auf übertriebene Eigensinnigkeit – aber wer weiß? Diese ganze Idee davon, dass nur ich mir helfen kann und dass das eben mein Leben ist, meine Schwierigkeiten, das ist das, was ich bin und was mich ausmacht; dass mir das niemand abnehmen kann und auch nicht sollte, auch, wenn das auf Kosten von gewöhnlichem „Erfolg“ á la Sozialstatus und Co. geht – diese Idee habe ich doch schon gut verinnerlicht. Und wie gesagt, ich halte das eigentlich für dummen Stolz, den ich aber achselzuckend hinnehme, als ein eine Art weiteres komisches Tier in meinem komischen Garten.

Übertrieben eigensinnig allerdings bin ich allemal, das kann ich wohl schlecht leugnen. Zu sagen, ich habe mein Leben lang kaum was anderes gemacht, als Selbstbeobachtung zu betreiben, wäre sicher übertrieben und zugespitzt, aber die kleinste Rolle spielte das nun wirklich nicht. Allerdings bin ich inzwischen ein recht gutmütiger Beobachter geworden, mit einer leicht ironischen, gutmütig-spöttischen Grundeinstellung gegenüber dem Beobachtungsobjekt. Und eigentlich ist diese Spaltung von Beobachter und Beobachtungsobjekt auch nicht mehr so schlimm wie früher. Vielleicht habe ich mich aber nur dran gewöhnt, ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass dies der Kern ist, wo ich mich im Schizoiden wiedergefunden habe: Eben die Spaltung von Denken und Fühlen, von dem rationale Beobachter und dem „Menschen“. Anderes fällt für mich eher unter den „normalen“ introvertiert-verkopften Zügen, das ist alles nicht Neues. Diese „Spaltung“ allerdings, die ich gefühlt mein Leben lang mit mir herumschleppe, habe ich in der psychologischer Literatur so noch nicht gefunden. Das gilt auch wortwörtlich für das „sich wie ein Roboter vorkommen“. Es ist allerdings sehr schwer, das in Worte zu fassen. Stets der eigene Beobachter zu sein, oder immer eine gewisse Kluft, einen Schleier oder Nebel, eine Verzerrung zur Umwelt zu haben, ein wenig entrückt zu sein – und auch zu den eigenen Gefühlen. Oder halt eben wie in einer Glasglocke, das trifft es schon sehr gut, fast besser als die Nebelmetaphorik, zumindest vom visuellen Aspekt her – vom sensitiven Aspekt hingegen ist sicher der Nebel besser. Und da Nebel nun einmal ästhetisch schöner ist, bin ich halt der Affe im Nebel. ;-)

Das sollte erst einmal zum Einstieg genügen, denke ich. Man ist ja bemüht, sich kurz zu fassen. Dieser Text war schon mal sehr viel länger, wurde x-mal umgeschrieben und sowieso gut ne Woche formuliert, bevor ich mich hier tatsächlich angemeldet habe. Das ist auch ein sehr typisches Verhaltensmuster für mich – was ich hier beim Lesen im Forum aber, wie so manch anderes, auch schon wiedergefunden habe. Deswegen bin ich nun hier, um noch mehr zu lesen und zu schauen, wie viel Ähnlichkeit und ähnliche Menschen ich hier noch so entdecken kann.
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Re: Moin

Beitragvon ToWCypress81 » 13. April 2020, 17:44

Moin MonkeyInTheFog

Das klingt nach einer sehr klar reflektierten Sicht der Dinge. Vielleicht kommt das auch aus dem verstärkten Drang heraus Dinge aufzuschlüsseln, um somit weiterzukommen bzw in sozialen Situationen sich selbst weniger im Weg zu stehen oder weniger soziale "Fehler" zu machen.

Das mit dem immer wieder überdenken, drehen, weiter vergleichen und reflektieren von Sichtweisen, kenne ich sehr gut. Im Laufe des Tages fallen mir auch immer wieder Dinge ein und auf, die sich so oder so richtiger und vollständiger anfühlen - sodass ich meine Gedanken und Texte entsprechend oft ergänze.

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Re: Moin

Beitragvon MonkeyInTheFog » 14. April 2020, 11:25

ToWCypress81 hat geschrieben:Moin MonkeyInTheFog

Das klingt nach einer sehr klar reflektierten Sicht der Dinge. Vielleicht kommt das auch aus dem verstärkten Drang heraus Dinge aufzuschlüsseln, um somit weiterzukommen bzw in sozialen Situationen sich selbst weniger im Weg zu stehen oder weniger soziale "Fehler" zu machen.


Ja, einen hohen Grad an (Selbst)Reflexion kann ich mir zuschreiben, ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Für mich gehört die Grübelei aber seit jeher dazu und klar, dazu zählte auch immer, sich in sozialen Situationen nicht so sehr im Weg zu stehen.

Wobei ich allerdings sagen muss, dass ich eher keine autistischen Züge habe. Das heißt, ich kann schon einigermaßen normal sozial interagieren, ich meine sogar, recht empathisch zu sein. Also zumindest verstehe ich Menschen und ihre Empfindungen relativ gut, würde ich meinen. Ich kann sogar Smalltalk und nutze das im beruflichen Kontext auch, um mich als einigermaßen normal hinzustellen, wobei das auch immer was von Übung hatte, ja. Privat hingegen sehe ich meist weniger Grund für das Austauschen von Belanglosigkeiten, was man je nach dem als „sozialen Fehler“ werten könnte, da ich eigentlich weiß, dass etwas kommunikativer und interessierter gerade angebracht wäre, aber, nun ja … ich habe halt auch gelernt, mich einigermaßen zu akzeptieren und auch in Gesellschaft so ruhig zu sein wie ich will. Damit verbaue ich mir aber sicher auch immer noch einiges, schätze ich. Aber ich schätze auch, das gehört dann wohl eben dazu.


ToWCypress81 hat geschrieben:Das mit dem immer wieder überdenken, drehen, weiter vergleichen und reflektieren von Sichtweisen, kenne ich sehr gut. Im Laufe des Tages fallen mir auch immer wieder Dinge ein und auf, die sich so oder so richtiger und vollständiger anfühlen - sodass ich meine Gedanken und Texte entsprechend oft ergänze.


Genau, wobei ich nicht sehr perfektionistisch bin. Ich habe stattdessen eher schon viele Forenbeiträge verfasst und nie abgeschickt, weil mir das Verfassen dann schon gereicht hat, weil meine Auseinandersetzung damit quasi erledigt war, ohne, dass ich das nun noch "veröffentlichen" muss.

Trotzdem aber bin ich ein Mensch, der auch soziale Kontakte hat und mag und auch den Austausch mit Anderen sehr schätzt. So weit ich inzwischen aber schon weiß, geht das hier durchaus vielen so und es ist nicht unbedingt so, dass gar kein Wunsch nach Sozialkontakten oder nach Nähe bestehen würde. Wie schon geschrieben, glaube ich aber auch nicht, dass meine schizoiden Züge den Grad einer Persönlichkeitsstörung erreichen würden – wobei mich der Grenzverlauf, der sicher auch alles andere als gerade verläuft, schon interessiert.
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Re: Moin

Beitragvon ToWCypress81 » 14. April 2020, 14:51

MonkeyInTheFog hat geschrieben:Wie schon geschrieben, glaube ich aber auch nicht, dass meine schizoiden Züge den Grad einer Persönlichkeitsstörung erreichen würden – wobei mich der Grenzverlauf, der sicher auch alles andere als gerade verläuft, schon interessiert.
Den Grenzverlauf kann man wie ich finde schon relativ klar erkennen.
Wenn dich in jedweder sozialen Situation das Verhalten anderer belastet und anstrengt, und meinst dahingehend auch meist falsch Gegenzureagieren - kann man von einer entsprechend sozialen "Störung" oder auch "Einschränkung" (autistische Strömungen inbegriffen) reden.

Wenn du aber an sich gerne auf Menschen zugehst, dich soziale Situationen nicht zu stark anstrengen und belasten - kann oder würde ich auch nicht von einer "Störung" oder entsprechenden "Einschränkung" ausgehen.

Bei Tendenzen in schizoide oder ähnliche gearteten Empfindungen Ohne belastende Einschränkungen in sozialen Situationen, würde ich das daher eher als "Akzentuierung" oder Persönlichkeitsfacette innerhalb des Charakters, sicherlich auch auslösbar durch entsprechende Erziehung, Genetik, Persönlichkeit oder Traumata - bezeichnen.

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Re: Moin

Beitragvon MonkeyInTheFog » 15. April 2020, 12:45

ToWCypress81 hat geschrieben:Den Grenzverlauf kann man wie ich finde schon relativ klar erkennen.
Wenn dich in jedweder sozialen Situation das Verhalten anderer belastet und anstrengt, und meinst dahingehend auch meist falsch Gegenzureagieren - kann man von einer entsprechend sozialen "Störung" oder auch "Einschränkung" (autistische Strömungen inbegriffen) reden.
 ! Nachricht von: Mod-Team
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Das ist so weit natürlich eine relativ klare Grenze, ja. Mit diesem Kriterium würde ich meine gemachte Einschätzung, dass ich schizoide Züge habe, ohne, dass diese das Ausmaß einer Störung haben, noch einmal unterstreichen.

ToWCypress81 hat geschrieben:Bei Tendenzen in schizoide oder ähnliche gearteten Empfindungen Ohne belastende Einschränkungen in sozialen Situationen, würde ich das daher eher als "Akzentuierung" oder Persönlichkeitsfacette innerhalb des Charakters, sicherlich auch auslösbar durch entsprechende Erziehung, Genetik, Persönlichkeit oder Traumata - bezeichnen.


Hier ist nun natürlich die Frage, wie weit man den Begriff der belastenden Einschränkung in sozialen Situation fassen will, aber gut. Um das näher herauszufinden, bin ich ja hier. ;-)

Also danke für deine Rückmeldung hier in diesem Vorstellungsthread.

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Re: Moin

Beitragvon oderint » 23. April 2020, 23:16

Hallo!

Mit Selbstdiagnosen wäre ich vorsichtig. Ich bin schon älter - genaugenommen alt - und wusste lange nicht, dass ich an einer Persönlichkeitsstörung leide. Natürlich wusste ich, dass ich ein weng anders, schrullig, introvertiert und kein Bündel an Emotionen bin. Aber erst eine Therapie brachte die Wahrheit ans Licht.
Nur die Vermutung oder aber die Gewissheit zu haben, sind zwei paar Stiefel. Mein Leben ist seit der Diagnose ein anderes, ein sinnloses, wertloses. Ich bin den Psychologen und dem Psychiater aber trotzdem dankbar, weil viele Ungereimheiten in meinem Leben plötzlich eine Erklärung gefunden haben.

Heute beneide ich die Menschen umso mehr, für die all das eine Selbstverständlichkeit ist, was ich nie haben oder erleben werde. Also mach dir keine Sorgen, ob du schizoid bist, solange keine eindeutige Diagnose gestellt wurde.

Gruß

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Re: Moin

Beitragvon MonkeyInTheFog » 24. April 2020, 12:29

oderint hat geschrieben:Hallo!

Mit Selbstdiagnosen wäre ich vorsichtig. [...]


Ich betreibe keine Selbstdiagnostik, keine Sorge bzw. ich weiß, dass dies im eigentlichen Sinne völlig unmöglich ist, weil wissenschaftliche/klinische Psychologie und Küchenpsychologie doch verschiedene Dinge sind. ;)

Und, wie schon geschrieben, ist mir aber auch bewusst, dass alle Persönlichkeitsstörungen eine pathologische Extreme von nicht-pathologischen Mustern sind und dass klare Grenzen und Diagnosen ähnlich schwierig sind, wie überhaupt solch abstrakte Beschreibungen mit der tatsächlichen Ambivalenz eines Menschen zu vereinen. Deswegen würde eine Diagnose für mich auch nicht so den existenziellen Unterschied machen.

Wieso sorgt denn die Diagnose dafür, dass dein Leben sinnlos und wertlos wird? Wieso macht das für dich solch einen gravierenden Unterschied? Gut, das hängt sicher stark von der persönlichen Geschichte, der Einstellung und den eigenen Ansichten ab, wie man solch eine Diagnose bewertet und ich schätze, darin liegt dann auch die Antwort meiner Frage an dich. Andererseits kann ich freilich auch nur vermuten, wie ich damit umgehen würde, vielleicht wäre die Gewissheit bei mir dann auch noch mal etwas anderes. Aber die Sinnlosigkeit habe ich eh schon durchgekaut und inzwischen ist sie ein Begleiter, mit dem ich Leben muss und auch kann.


oderint hat geschrieben:Also mach dir keine Sorgen, ob du schizoid bist, solange keine eindeutige Diagnose gestellt wurde.


Sorgen mache ich mir deswegen ja auch gar nicht, stattdessen bin ich eigentlich ausschließlich froh, vielleicht ein paar Erklärungen mehr für die Ungereimtheiten in meinem Leben gefunden zu haben, um deine Worte zu nutzen. Ich glaube auch nicht, dass ich eine Persönlichkeitsstörung habe. Ob oder in was für einem Grad ich schizoide Züge habe, wäre die Frage, wobei auch das ja ein Mittel dazu ist, mich selbst besser zu verstehen und vor allem aber auch, zu sehen, ob es noch mehr ähnlich tickende Menschen gibt. Vielleicht bin ich auch einfach nur introvertiert und schrullig und habe gar keine schizoiden Züge. Introversion scheint mir allerdings ein sehr weites Feld zu sein, das mich nie so ganz befriedigend erfasst hat. Dieses Gefühl davon, sein eigener Beobachter zu sein bzw., als würde mein rationales Ich dem Rest zuschauen, diese Glasglocke, das habe ich so noch nirgends psychologisch erfasst gefunden bisher.
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Re: Moin

Beitragvon oderint » 24. April 2020, 23:22

Hallo MonkeyInTheFog,

niemand erhält gerne die Diagnose Schizoidie. Je stärker die Störung ist, desto wichtiger ist es, wie man mit dem Alleinsein umgeht. Kritisch wird es, wenn aus dem Alleinsein Einsamkeit wird. Dann stellt sich die Frage, ob Leidensdruck entsteht. Verspürt der Betroffene Leidensdruck, muss er Strategien entwickeln, wie er den Leidensdruck kompensieren kann. Ich habe unbewusst die Flucht in den Intellekt gefunden, alle Aktivitäten übe ich allein aus, Freundschaften habe ich fast keine und pflege sie auch nicht. Es reicht nicht einmal für ein Smartphone. Wozu brauche ich das? Es gibt sowieso nichts mitzuteilen.

Vor der Diagnose Schizoidie ist mir mein Anderssein nicht so aufgefallen, ich habe diese Tatsache einfach nur verdrängt. Mit der Diagnose fühlt es sich nun an, als habe mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Das Leben ist als eine Lebenslüge entlarvt. Die Hoffnung, ein Leben wie andere führen zu können, ist verflogen. Die Flucht in den Intellekt kein Genuss mehr, sondern im wahrsten Sinn eine Überlebensstrategie. Der Psychiater sagt, jetzt ist es bei Ihnen so lange gut gegangen, was spricht dagegen, dass Sie in den Ihnen verbleibenden Jahre den aus der Einsamkeit herrührenden Leidensdruck nicht mit den erprobten Strategien kompensieren kann. Bislang war die Einsamkeit auch nicht Ihr ständiger Begleiter. Kann sein, sage ich ihm. Aber wie fühlt sich ein Patient, wenn ihm der Arzt sagt, die harmlosen Kopfschmerzen seien gar nicht so harmlos. Sie rühren nämlich von einem Hirntumor her - aber machen Sie sich bloß keine Sorgen, außer dieser Diagnose, hat sich in Ihrem Leben nichts weiter geändert. Das stimmt, denkt sich der Patient. Nein, es stimmt nicht. Nach der Diagnose Hirntumor ist nichts mehr, wie es einmal war. Ich bin sterbenskrank und werde bald sterben. Der Tod beherrscht auf einmal mein Leben.

Die Diagnose Schizoidie ist ein Fluch. Alle Träume werden Träume bleiben. Die Diagnose raubt einem die Zukunft. Dunkle Gedanken legen sich wie Mehltau auf die Seele. Ich bin plötzlich nicht mehr Teil der Gesellschaft. Ich war es nie, aber nun weiß ich es, dass es nur eine Illusion war. Es gibt die anderen, und es gibt mich, der nie Teil der anderen sein wird. Ich will bei den anderen sein, und kann es nicht. Ich grüble stundenlang, was ich tun kann; ich grüble tagelang und weiß, dass das Grübeln sinnlos ist. Die Antwort ist immer dieselbe: Ich bin allein, ich bin einsam, und kann nichts tun, außer auf das Ende zu warten. Das Leben verliert seinen Sinn. Die Existenz ist wertlos. Die anderen denken, was muss der für ein tolles Leben haben, und ich tue alles, um diesen Mythos aufrecht zu erhalten. Aber selbst in der Psychiatrie bleibt die Fassade bestehen. Der einsame Leitwolf bleibt allein, er kehrt nie ins Rudel zurück.

Wie Menschen ihre Schizoidie wie eine Monstranz vor sich hertragen können, bleibt mir ein Rätsel. Ich fühle mich nicht als etwas Besonderes, Einzigartiges. Ich will so sein, wie die Menschen um mich. Aber die Schizoidie hält mich fest. Sie ist ein einziger Fluch.

Ein sinnloses Leben kann niemand auf Dauer leben. Diese Menschen sterben einfach aus. Die Psychologen und Psychiater wollen wissen, ob Leidensdruck besteht und wie er ausgeglichen wird. Das Thema wird immer wieder in den Einzelgesprächen durchgegangen, denn in den Tageskliniken dürfen die Patienten darüber nicht untereinander sprechen. Allein, die Gespräche besiegen nicht die Schizoidie und die Kompensation kostet Kraft, viel Kraft. Was für ein Kraftakt, jeden Tag die Person zu mimen, die man im Innersten nicht ist. Was, wenn die Kraft eines Tags nicht mehr reicht?

Danke jeden Tag dem Herrn, nicht schizoid zu sein. Freue dich an deinen Freundschaften, denn sie sind ein Geschenk, und erst wenn sie zerbrechen, erkennst du, was du verloren hast.

Gruß

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Re: Moin

Beitragvon MonkeyInTheFog » 25. April 2020, 12:13

Hallo oderint,


oderint hat geschrieben:Vor der Diagnose Schizoidie ist mir mein Anderssein nicht so aufgefallen, ich habe diese Tatsache einfach nur verdrängt. Mit der Diagnose fühlt es sich nun an, als habe mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Das Leben ist als eine Lebenslüge entlarvt. Die Hoffnung, ein Leben wie andere führen zu können, ist verflogen.


Verstehe, du hast dein Anderssein also erfolgreich verdrängt und die Diagnose hat dich dann damit konfrontiert. Das ist dann natürlich sehr schwierig, keine Frage.

Bei mir ist das aber eben anders, ich habe mein Anderssein nie groß verdrängt, sondern mich sogar viel damit beschäftigt, obgleich ich eigentlich auch immer „normal“ sein wollte und lange versucht habe, den Anschein aufrecht zu erhalten und obgleich ich da heute wesentlich gleichgültiger und mit wesentlich mehr Selbstakzeptanz umgehe, ist das teilweise immer noch so.



oderint hat geschrieben:Die Diagnose Schizoidie ist ein Fluch. Alle Träume werden Träume bleiben. Die Diagnose raubt einem die Zukunft. Dunkle Gedanken legen sich wie Mehltau auf die Seele. Ich bin plötzlich nicht mehr Teil der Gesellschaft. Ich war es nie, aber nun weiß ich es, dass es nur eine Illusion war.


Es ist doch aber nicht die Schizoid-Diagnose der Fluch, sondern, wenn, dann eben das Schizoid-Sein. Aber okay, ich verstehe, dass die Diagnose für dich sehr entmutigend ist, wenn du quasi aus allen Wolken gefallen bist dadurch. Ich vermute, es wird hier einige geben, die das Phänomen der entmutigenden Diagnosewirkung kennen und ich hoffe, die können dir da ein bisschen helfen.

oderint hat geschrieben:Danke jeden Tag dem Herrn, nicht schizoid zu sein.



Ist das einfach nur eine Formulierung oder bist du tatsächlich gläubig?
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Re: Moin

Beitragvon Anjuli » 25. April 2020, 12:25

Finde die Freude an Deinem Sein.
Freu Dich, anders zu sein.

Leidest Du nur, weil Du nicht so bist wie andere?
Wer sagt Dir denn, das Du nicht gut und wertvoll bist, so wie Du bist?

Fehlt Dir der Kontakt wirklich? Warum? Was suchst Du? Was hindert Dich?
Du brauchst nicht andere zum Glücklichsein. Dss ist Abhängigkeit. Das Glück und die Freude sind in Dir.

Was ist den in Deiner Realität sooo anders, nur weil Du ein Label hast??!
Das hindert Dich doch nicht am wachsen.

Les mal Osho!!! Liebe Freiheit, Alleinsein.
Das Buch "Liebe, Freiheit, Alleinsein (Deutsch) Taschenbuch – 1. April 2002"
Und
https://www.osho.com/de/read/featured-a ... -peace-hmm

Alleinsein ist schön. Nur Einsam sein ist grau. Perspektive wechseln.
"Du hast deine Kindheit vergessen, aus den Tiefen deiner Seele wirbt sie um dich. Sie wird dich so lange leiden machen, bis du sie erhörst."
Hermann Hesse


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