Wunsch nach Nähe

Die Gegenüberstellung der schützenden Distanz und dem Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen.
weißichnicht
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Wunsch nach Nähe

Beitragvon weißichnicht » 12. März 2020, 12:11

Hallo, also ich habe folgendes Problem:
Während ich mich in den letzten paar Jahren zunehmend von Freunden und Familie isoliert habe, weil ich einfach keinen Sinn mehr darin sehe, hat sich in mir ein anderes Bedürfnis breit gemacht, und zwar das Bedürfnis nach körperlicher Nähe (und weitergehend auch Sexualität).
Die Sache ist die, auch wenn ich den Wunsch nach Nähe verspüre macht sie mir gleichzeitig auch Angst. Jegliche Nähe (körperlich sowie emotional) die ich bisher erfahren habe war immer eher negativ und unangenehm. Es wurde immer über mich hinweggegangen.
Dazu kommt noch meine Unerfahrenheit. Das höchste was ich jemals gemacht habe war Händchenhalten. Ich fühle mich unsicher und habe Angst davor auf Männer zuzugehen.
Bisher habe ich versucht über's Internet Kontakt aufzunehmen. Allerdings verspüre ich da immer so eine Leere. Ich sitze da, sehe die ganzen Chatanfragen, aber in mir ist irgendwie nichts. Ich fühle mich so abgeschnitten und habe auch plötzlich überhaupt gar keine Lust in Kontakt zu kommen.
Einmal bin ich dann doch mit jemanden ins Gespräch gekommen. Wir haben uns sehr gut verstanden und auch über sehr private Dinge geschrieben. Ich hab ihn voll gemocht, hatte Spaß am schrieben und wollte ihn gerne mal persönlich kennen lernen. Wir haben für ein paar Wochen geschrieben, dann hat sich in mir so eine Unlust breitgemacht. Von meiner anfänglichen Motivation und Zuversicht ist überhaupt nichts übrig geblieben. Ich verstehe überhaupt gar nicht, warum ich mich überhaupt so positiv gefühlt habe. Warum ich so kontaktfreudig war und ihn unbedingt persönlich kennenlernen wollte. Ich habe vollkommen den Bezug zu ihm (oder zu meiner Kontaktfreudigkeit?) verloren.

Das ist total frustrierend.
Zum einen ist da der Wunsch nach Nähe und zum anderen fällt mir der Schritt nach "da draußen" so schwer.
Ich weiß einfach nicht mehr weiter.

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bluemoon
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Re: Wunsch nach Nähe

Beitragvon bluemoon » 23. März 2020, 08:18

Hallo,

diese Angst vor Nähe hatte ich auch lange Zeit. Es war vor allem die Angst die Kontrolle zu verlieren, mich verletzlich zu machen. Dazu kam die Unfähigkeit die Reaktionen von Frauen auf mich einzuschätzen und zu deuten.

Isoliert habe ich mich allerdings nie und es war eher so, dass alle Beziehungen irgendwie distanziert und bei nicht Familienmitgliedern auch unverbindlich blieben. Gleichzeitig gab es immer auch wieder Situationen wo sich auch körperliche Nähe zu Frauen ergeben hat, was ich durchaus als angenehm erlebt habe. Bevor ich allerdings bereit war, mich weiter aus dem Schneckenhaus zu begeben, haben sie das Interesse verloren. Bei einigen war das, was für sie ein ganz normaler Umgang mit Männern war, für mich eigentlich schon recht intim.

Kurzum: Ich hatte mich 30 eigentlich damit abgefunden, auf diese Nähe verzichten zu müssen.

Dann hat mich einige Jahre später eine Frau im Urlaub völlig überumpelt und ich hab mich einfach drauf eingelassen und es hat sich toll angefühlt. Wir haben dann im Anschluss 3 Monate eine intensive Wochendend Fernbeziehung geführt, bis sie dann einfach angerufen hat und meinte sie hätte sich überlegt, sie will mich nicht mehr sehen. Keine Begründung, totaler Kontaktabbruch. Mich hat das Ganze total aus der Bahn geworfen und in ein tiefes Loch fallen lassen. Immerhin, wenn dass Loch tief genug ist schlägt man nicht auf und als mir das bewusst wurde war es wie fliegen. Seither habe ich keine Angst mehr mich auf Beziehungen einzulassen. Ich hab erlebt es bringt mich nicht um und die intensiven Gefühle (auch die Schlechten) fühlten sich immer noch besser an als die dumpfe Stille vorher. Leicht ist es aber dennoch nicht, mich auf eine Partnerin einzulassen und ich hab mir auch später die eine oder andere Narbe geholt. Aber das Gefühl von körperlicher Nähe und das nicht ganz alleine sein sind es mir wert.

Online Dating hab ich auch schon gemacht. Da habe ich aber absichtlich immer nach kurzem schreiben schnell ein Date gesucht. Da war alles Mögliche dabei, von passt gar nicht, über man trifft sich ab und zu zum Kino oder Essen, einem ONS bis hin zu ner festen Beziehung. Zu körperlicher Nähe ist es immernur gekommen, wenn mir die Frauen eindeutige Signale gesendet haben und sie mir vorher auf den ersten Blick symphatisch waren.

weißichnicht hat geschrieben:...
Dazu kommt noch meine Unerfahrenheit. Das höchste was ich jemals gemacht habe war Händchenhalten. Ich fühle mich unsicher und habe Angst davor auf Männer zuzugehen.
...
Das ist total frustrierend.
Zum einen ist da der Wunsch nach Nähe und zum anderen fällt mir der Schritt nach "da draußen" so schwer.
Ich weiß einfach nicht mehr weiter.


Ich dachte bislang, das wäre ein typisch mänliches Problem, weil viele Frauen ja erobert werden wollen und Männer es gewohnt sind die Beute zu jagen. Mein Problem ist, dass ich weder Jäger noch Beute sein will.

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Re: Wunsch nach Nähe

Beitragvon schi275 » 23. März 2020, 15:02

Was willst du als Frau auch tun? Du bist als Frau in der glücklichen Lage den eher passiven Part spielen zu dürfen. Kannst eben mehr über das Internet daten und versuchen einen passenden Partner zu finden.

Das Buch/Hörspiel "Grundformen der Angst" beschreibt die schizoiden Probleme ganz gut.

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Re: Wunsch nach Nähe

Beitragvon Traumafrau » 23. März 2020, 17:30

schi275 hat geschrieben: Du bist als Frau in der glücklichen Lage den eher passiven Part spielen zu dürfen.
Wüsste nicht, was an derart fremdbestimmten Rollenzuweisungen "glücklich/dürfen"-wert sein sollte.

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Re: Wunsch nach Nähe

Beitragvon weißichnicht » 26. März 2020, 18:43

schi275 hat geschrieben: Du bist als Frau in der glücklichen Lage den eher passiven Part spielen zu dürfen.

Ich wüsste jetzt nicht inwiefern ich da Glück habe. Klar ist es angenehmer "nichts tun/riskieren zu müssen" aber andererseits bedeutet es auch darauf angewiesen zu sein, dass der Mann handelt während ich nur untätig rumhocke.
Das ist nichts was ich von einem anderen Menschen erwarten möchte. Und das ist auch nichts worauf ich unbedingt warten möchte.

Das Buch werde ich mir mal kaufen, danke. Ich suche schon seit längerem was zu dem Thema und das sieht ganz gut aus :)

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Re: Wunsch nach Nähe

Beitragvon weißichnicht » 26. März 2020, 19:02

Bisher ist meine Angst vor Nähe eher theoretisch. Denn soweit kam es ja noch nicht wirklich. Abgesehen von dem einen mal Händchen halten war ich ja einen Mann noch nie nahe. Ich habe das Händchen halten damals als sehr angenehm empfunden und diese Erfahrung ist es, die mir auch Hoffnung gibt, dass das ganze doch nicht so problematisch wird wie ich immer meine.
Allerdings kommt es in den meisten Fällen ja nicht Mal zu einem Date. Ich bin anfangs immer total motiviert und guter Dinge und dann verliere ich das Interesse. Und zwar nicht an dem Mann, sondern an körperlicher Nähe an sich. Das ist immer ganz komisch. In dem einen Moment wünsche ich mir nichts mehr als Nähe und dann finde ich das ganze wieder komisch und befremdlich. Fast schon abartig. Ich kann überhaupt gar nicht mehr nachvollziehen warum ich so etwas überhaupt wollen würde oder warum ich überhaupt etwas mit einem anderen Menschen zu tun haben wollte.

Kurz gesagt wechseln sich bei mir immer zwei Phasen ab: einmal die (teils total übertriebene) Kontaktfreude und einmal das komplette Desinteresse.
Das macht es mir nicht sonderlich leicht jemanden kennenzulernen. Zum anderen verunsichert es mich.

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Re: Wunsch nach Nähe

Beitragvon bluemoon » 26. März 2020, 23:18

Also diese Angst kenne ich zu genüge.

Dazu kommt bei mir, dass ich gerade in zwischenmenschlichen Kontakten nicht wirklich intuitiv reagieren kann. Situationen die ich schon "Vorgedacht" beziehungsweise aus Vergangen "Ausgewertet" habe, fallen mir leichter. Ich hab da sozusagen einen Vorat an einigermaßen angemessenen Verhaltensweisen bei denen ich mir selber treu bleiben kann und die mir auch nicht schaden.

Ich vergleiche das manchmal mit täglich grüßt das Murmeltier. Ich erlebe zwar nicht immer den gleichen Tag aber oft ähnliche Situationen. Im Laufe der Zeit variere ich jedesmal meine Reaktion ein wenig. Bin ich erfolgreich, dann kann ich darauf aufbauen. Das nächste mal kann ich einen Schritt weiter gehen. Ich habe dabei gemerkt, dass es nicht nur eine Art Schauspiel ist, das ich für andere aufführen muss. Mein Fühlen hat dabei geändert und weiter entwickelt.

Je unverbindlicher die Begegnung im Anfang war um so leichter. Wenn sich erstmal zu viel in Richtung kumpelhafte Freundschaft entwickelt hatte, dann war mir die viel zu wichtig, um sie für Experimente aufs Spiel zu setzen.

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Re: Wunsch nach Nähe

Beitragvon orinoco » 27. März 2020, 10:27

weißichnicht hat geschrieben:
schi275 hat geschrieben: Du bist als Frau in der glücklichen Lage den eher passiven Part spielen zu dürfen.

Ich wüsste jetzt nicht inwiefern ich da Glück habe. Klar ist es angenehmer "nichts tun/riskieren zu müssen" aber andererseits bedeutet es auch darauf angewiesen zu sein, dass der Mann handelt während ich nur untätig rumhocke.
Das ist nichts was ich von einem anderen Menschen erwarten möchte. Und das ist auch nichts worauf ich unbedingt warten möchte.


Die Partnersuche ist eben für beide Geschlechter ein Problem - wenn sie schizoid oder anderweitig ein Problem mit (der) Stress(regulation) haben. Bei Frauen ist es die Ohnmacht der Initiative der Männer ausgeliefert zu sein. Bei Männern ist es der Stress initiativ sein zu müssen und dann ständig sozial negative Erfahrungen machen zu müssen. Da ist unsereins vielleicht näher an einer emanzipierten Geschlechterrolle, wo eben auch mal die Frau die Initiative ergreift. Da Dumme ist nur: das funktioniert nur bei ebenfalls Schizoiden etc. Denn die neurotypischen Männer wollen "jagen" und die neurotypischen Frauen wollen "erobert" werden.

Das mit dem Verlust des Interesses an körperlicher Nähe kann ich mir so erklären, dass das neurotypische Rollenprogramm doch auch biologisch in unsereins tief drin steckt und das Alternativprogramm eben auch nur Kompensation ist. Und dann erwartet die schizoide Frau dann eben auch bei der körperlichen Nähe unbewußt wieder vom Mann den ersten Schritt bzw. das neurotypische Verführungsprogramm, den/das sich ein schizoider o.ä. Mann u.U. und vor allem ohne Erfahrung in dieser Hinsicht eben nicht traut. Ich habe es da als sehr wohltuend empfunden wenn die Frau das auf eine bewußtere Ebene geholt hat und einfach gefragt hat. Das hat dann auch umgekehrt gut funktioniert. Und hat der Romantik bzw. Erotik keinen Abbruch getan.
Verständnis ist für den Traumatisierten, was die niedrige Bordsteinkante für den Rollstuhlfahrer.
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Re: Wunsch nach Nähe

Beitragvon seren » 27. März 2020, 17:39

weißichnicht hat geschrieben:Kurz gesagt wechseln sich bei mir immer zwei Phasen ab: einmal die (teils total übertriebene) Kontaktfreude und einmal das komplette Desinteresse.
Einen derartigen Wechsel der Gefühle hab ich zwar noch nicht selbst erlebt, aber bei meinem eigenen Problem (allgemeines Desinteresse an fremden Menschen, aber Wunsch nach einer festen Beziehung zu einem passenden Menschen) ist meine Methode:
Ich zwing mich halt dazu, neue Menschen kennenzulernen, auch wenn es mir keinen Spaß macht und ich keine Lust darauf hab. Wobei ich dabei aber auch auf meine Grenzen achte und Aktivitäten, die ich überhaupt nicht mag, natürlich nicht ausübe. Und bei den Menschen, die ich kennenlerne, achte ich natürlich darauf, dass ich sie mindestens neutral (im Idealfall sogar etwas interessant) finde. Wenn ich jemanden unsympathisch finde, breche ich den Kontakt ab. Aber von Ängsten würde ich mich niemals beeinflussen lassen.


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