Nihikomoris

Die Gegenüberstellung der schützenden Distanz und dem Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen.
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Ghostvoice
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Nihikomoris

Beitragvon Ghostvoice » 27. August 2014, 11:49

Mir fällt in den letzten Monaten verstärkt folgendes Phänomen auf: junge Menschen (in erster Linie Männer) und Leute in ihren 20ern scheinen sich zunehmend aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzuziehen. Soziale Kontakte werden beschränkt oder gar gänzlich vermieden. Die Hauptfreizeitbeschäftigung besteht aus Unterhaltungskonsum (Computerspiele, Fernsehen), jegliche kreative Auseinandersetzung mit irgendwelchen anderen Themen wird unterlassen - einfach weil kein Interesse mehr daran besteht.

Ich habe es verstärkt in meinem weiteren Bekanntenkreis beobachten können, auch bei Menschen, die zwar keine sozialen Schmetterlinge waren, aber durchaus Interesse an Aktivitäten zeigten.

In Japan kennt man schon seit Jahren dieses Phänomen der ¨Nihikomoris¨... einer ganzen Gruppe von jungen Menschen, welche die oben beschriebenen Verhaltensweisen an den Tag legen. Nur mit dem Fokus darauf, daß diese sich sogar gänzlich in ihren Wohnungen einnisten und schon sozialphobische Züge zeigen. Es wird als Ablehnung und Überforderung der leistungsorientierten, japanischen Kultur verstanden.

Ist das nur meine subjektive Wahnehmung oder beobachtet ihr dieses Phänomen bei uns ebenfalls?
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Re: Nihikomoris

Beitragvon Huch » 27. August 2014, 12:20

Hallo,
ich glaube das Phänomen wurde vor Jahren als "Cocooning" beschrieben. Wenn ich daheim bin, google ich nach.
Some of them want to be abused

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Re: Nihikomoris

Beitragvon Jasmin » 27. August 2014, 12:26

Ja, das ist mir auch aufgefallen. Teilweise bekommt man ja schon verwunderte bis schockierte Reaktionen, wenn man es wagt ohne vorherige Ankündigung via SMS / FAcebook / whats app jemanden auf dem Festnetz anzurufen.

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Re: Nihikomoris

Beitragvon Nebeltal » 27. August 2014, 13:14

Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung, zugegeben, den ganzen Tag Fernsehen zu schauen oder vor dem Rechner zu hängen ist sicherlich auch nicht gerade Menschlich. Aber es ist in jedem Fall eine Absage an die Leistungsgesellschaft. Ebenso liest man ja immer mal von der "Generation y ", Y= Why. Jüngere Menschen die Dinge Hinterfragen und nach Alternativen suchen, anstatt stumpf den Regeln zu folgen und ins Hamsterrad der 40h Woche zu steigen. Der Alptraum jeden Arbeitgebers. Ein Paradigmenwechsel finden so allmählich statt, auch wenn Staat und Wirtschaft versuchen dem entgegenzuwirken.

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Re: Nihikomoris

Beitragvon Jester » 27. August 2014, 15:26

Selbst ohne Eigenerfahrung wäre ich mit Hikikomori – passenderweise dank übermäßigem Animekonsum, yay! – bestens vertraut. Das ist in meinen Augen aber längst kein Phänomen mehr, sondern Teil der Alltags“kultur“, da die besten Möglichkeiten durch die umfassende Vernetzung bereits geschaffen und teilweise akzeptiert sind. Weitestgehend autark zu existieren, ist heute einfacher denn je. Ist ein Auswuchs von globalem Wandel. Quasi die Kehrseite des vielen Komfort, den man mittlerweile genießen darf.

Ich würde fast so weit gehen und es sogar als logische Konsequenz bezeichnen. Nicht im besten Sinne, aber trotzdem.
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Re: Nihikomoris

Beitragvon tiffi » 27. August 2014, 17:07

ich denke, das Phänomen betrifft nicht nur den Rückzug aus der Arbeitswelt und somit Protest
gegen das Leistenmüssen,
sondern auch den Rückzug aus der realen (3D) Kommunikation.

Tele-Kommunikationsmöglichkeiten sind mehr geworden.
in gewisser Weise einfacher (man muss nicht mobil sein, keine Körperkraft einsetzen,
keine Situation bis zu irgendeinem Ende durchhalten)

Vielleicht hat es auch ein Stück weit mit mehr "Eigenkontrolle" zu tun, den Input
selbst zu gestalten durch Medien,
und ein Gegenüber auch als mediales Abbild zu sehen, dass man "zur Not"
ausschalten kann?

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Re: Nihikomoris

Beitragvon Ghostvoice » 28. August 2014, 12:14

Danke erstmal für die Antworten...

Ich weiss nicht, ob es inzwischen schon die Regel ist, daß sich Menschen so verhalten. Die meisten suchen ja doch nach sozialen Kontakten und die Virtuellen alleine reichen da nicht auf Dauer. Ich habe den Eindruck, daß diese Lebensweise für normale Menschen schon sehr belastend ist... Depressionen schleichen sich ein, wenn sie nicht den erforderlichen sozialen Input bekommen.

Unsere Unterhaltungs-/Konsum-Elektronik ermöglicht uns so leicht und geistfrei wie niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte unsere Zeit mit uns selbst zu verbringen.

Und auch die schon von Jasmin und tiffi beschriebene Verweigerung der direkten verbalen Kommunikation mittels Kommunikationstechnologie ist ein wichtiger Bestandteil dieser Entwicklung. Wer will schon mit jedem reden, von dem er angerufen wird?
Ich hatte vor Jahren jedesmal ein schlechtes Gefühl im Bauch, wenn mein Handy klingelte, da ich wußte, hier ist jemand, der will, daß ich mich mit ihm auseinandersetze - und das fand ich gar nicht gut!

Als Rasse werden wir schon nicht aussterben, dafür sorgen sowohl die in Traditionen verhafteten sowie die ¨bildungsfernen¨ Bevölkerungsschichten.

Dennoch macht mir der anscheinende Rückzug des Einzelnen von der Welt doch etwas Sorgen...
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Re: Nihikomoris

Beitragvon Nebeltal » 28. August 2014, 18:46

Vielleicht ist es ja auch nur eine kurze Phase der Menschheitsgeschichte. Dieser ganze Social Media Wahnsinn, der die Leute quasi zu Smartphone Zombies macht. Es ist halt Neu und Hipp, jeder will teil dieser Kultur sein, mit der Zeit gehen und mitten drin statt nur dabei sein. Vielleicht geht es ja auch irgendwann wieder "Back the Roots" und man präferiert wieder den guten alten analogen Kontakt. Ich hab mein Smartphone schon verkauft.
Wir befinden uns eben in einer Zeit, wo der Mensch Schwierigkeiten hat, mit dem "Fortschritt" oder sagen wir mal, mit der Weiterentwicklung der Technischen Möglichkeiten mitzuhalten. Und Politik bzw. die Gesellschaft haben darauf noch überhaupt keine Antwort gefunden, bzw denken scheinbar nicht mal darüber nach. Bei der letzten Wahl ging es jedenfalls um Angela Merkels Halskette anstatt um die Herausforderungen der Zukunft. Und man darf nicht vergessen, Fortschritt entwickelt sich exponentiell. Es dauert nicht mehr lange, dann hat ein Smartphone die Rechenleistung meines jetzigen Heimcomputers.

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Re: Nihikomoris

Beitragvon Ghostvoice » 28. August 2014, 19:23

Ich glaube nicht, daß es wirklich zu einer freiwilligen "Umkehr" kommen wird. Es sind neue technische Verhältnisse, die es uns erlauben, unsere Natur auszuleben... und diese strebt nach Bequemlichkeit. Also, warum etwas aufgeben, das bequem ist, auch wenn die menschlichen Bedrürfnisse verhungern? :(
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Re: Nihikomoris

Beitragvon Jester » 28. August 2014, 20:10

Sooo schwarz würde da nun auch nicht malen. Soziale Isolation ist Symptom und keine Ursache. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass zu jeden Zeitpunkt der Geschichte –mal ganz lapidar gesprochen manche Menschen, andere Menschen scheiße gefunden haben. Die Gründe dafür sind a) so vielfältig wie es Leute gibt und b) immer Produkt der jeweiligen Epoche. Sprich: es braucht dazu eigentlich nicht viel.

Also gut möglich das vor einigen Jahrhunderten der Bursche Jesterix ziemlich die Nase voll von Leuten und ihrem konservativen, geozentrischen Weltbild hatte. Was macht er? Er nimmt sich einen Stapel gedruckter (!) Bücher, die neuerdings (wie jeder vernünftige Mensch weiß) die Massen mit ihrem zugänglichen Wissen verderben und hockt sich in sein Zimmer, im ersten Stock von Daddys Herrenhaus. Versorgung ist frei, wird sogar geliefert (~Maido!) und als Freund reicht auch eine Rübe.

15th Century Hikikomori is born.

Okay. Das war nun sehr Pauschal, aber im Grunde ist es doch so. Abseits des Mittelstandes oder wegen meiner noch früher, waren die Leute draußen und mussten ihr Feld beackern. Rumsitzen ging natürlich nicht so ohne weiteres und die Pest ist ein größeres Problem, als der Nachbar der ständig Steine nach Leuten wirft, wenn sie was von ihm möchten. Kontaktscheu bis hin zur Misanthropie ist aber unabhängig von Zeit und Ort und der Anzahl der Anwesenden. Das Zimmer selbst ist nicht obligatorisch, sondern Teil dieser (möglichen) Symptome.

Natürlich ist es trotzdem richtig, dass die moderne Welt mehr und mehr Inseln schafft, auf die man sich zurückziehen kann und dieser Umstand hinterlässt einen Abdruck, der nicht einfach verschwindet. Im Gegenteil. Wer weiß, wie nah die Matrix tatsächlich ist.

Kurz gesagt: nicht jeder Einsiedler ist Teil einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung. Worauf man allerdings sehr wohl achten muss, sind die Leute, die quasi dorthin getrieben werden. Auch das ist einerseits nicht wirklich neu, aber ebenfalls begünstigt durch das Hier und Heute. Jeder weiß beispielsweise, wie sehr die Leute auf ihr Individualismusstreben pochen, aber am Ende (und fast schon paradoxerweise) unheimlich gleichgeschaltet reagieren, wenn jemand sich „ungewöhnlich“ verhält. Mobben per Mausklick ist doch en vogue.

Da ist man schon ein wenig näher an den Ursachen, aber das ist ein Faden, an dem man vermutlich ewig herumdröseln könnte.

Edit: Zu dumm für Copy 'n Paste. Ganzen Absatz übersehen. Hmpf.
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