Schwarz/Weiss-Denken vs. Überzeugungen

Die Gegenüberstellung der schützenden Distanz und dem Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen.
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Schwarz/Weiss-Denken vs. Überzeugungen

Beitragvon Ghostvoice » 22. September 2019, 09:23

Worin liegt der Unterschied zwischen einer Überzeugung und einem Schwarz/Weiss-Denken?

Jeder bildet sich im Laufe seines Lebens Überzeugungen. Manche verändern sich oder erweisen sich als falsch, andere wiederum bleiben das ganze Leben über bestehen, weil sie sich bewährt haben. Um letztere geht es mir.

Wenn man eine Überzeugung gefasst, ein Prinzip entdeckt hat... inwiefern unterscheidet es sich von einer S/W-Sicht der Dinge?

Alles was wir für richtig erachten, schliesst zwangsläufig andere Dinge aus. Und das ist auch gut so, da wir ansonsten in reinem Chaos handlungsunfähig wären!

Aber ab wann werden solche Überzeugungen hinderlich? Und sollte man Dinge, von denen man überzeugt ist, die man ausreichend hinterfragt hat, aufgeben, wenn sie in ihrer Aussenwirkung mehr verhindern oder schaden als nutzen?

Kurzum: woran könnte man erkennen, daß man ein Prinzip verfolgt oder einfach nur stur agiert?
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Re: Schwarz/Weiss-Denken vs. Überzeugungen

Beitragvon Indigocat » 22. September 2019, 11:01

Ghostvoice hat geschrieben:Kurzum: woran könnte man erkennen, daß man ein Prinzip verfolgt oder einfach nur stur agiert?
An den Graustufen, wie der Hase im Gedankensplittertread angedeutet hat (wobei ich in dem Fall auch starke Zeifel habe, ob Hase bei sich selber Graustufen erkennen kann). Das Schwarz-Weiß-Denken kommt daher, da man als Baby oder Kleinkind die Menschen (Mutter) entweder als gut oder als böse erlebt, das Kind kann nicht erkennen, dass die Mutter sowohl als auch sein kann. Bei manchen psychischen Störungen bleibt der Mensch auf dieser Stufe stehen, er erlebt die Menschen etweder als gut oder böse. Macht ein "Guter" mal was Böses, ist er danach für immer bös, auch wenn er wieder was Gutes macht.

Ich würde ja denken, man handelt richtig, solange man damit keinem anderen schadet. Abhängig natürlich von der Situation. Bei Notwehr muss man ja dem anderen zwangsläufig schaden, auch wenn man jemandem hilft, der angegriffen wird. In der Situation ist es gerechtfertigt. Auch wenn man sieht, dass andere Unrecht tun und man versucht, das zu unterbinden, finde ich es gerechtfertigt. Wobei ein "Böser", der jemanden übers Ohr haut, die Umwelt schädigt usw. sein Tun wahrscheinlich nicht als böse erlebt.
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Re: Schwarz/Weiss-Denken vs. Überzeugungen

Beitragvon 2ost » 22. September 2019, 11:54

Hallo,

ich habe dazu mal eine kurze und eine lange Antwort:
  1. Die kurze Antwort: Als Gallileo Gallilei wegen seiner These des heliozentrischen Weltbildes (nicht die Sonne dreht sich um die Erde, sondern umbekehrt) vor der heiligen Inquisition sich zu erklären versuchte, sollen seine Richter erwidert haben, er möge sie doch bitte nicht mit Fakten behellligen, da sie sich ihre Meinung längst gebildet hätten.
  2. Und die lange Antwort steht in diesem Buch hier recht ausführlich beschrieben.
Das mit Gallilei ist zwar wohl nur eine Geschichte und so vermutlich nie passiert, beschreibt m. E. den Unterschied zwischen Schwarzweiss versus feineren Abstufungen sehr treffend. Erstere wollen keine möglichst richtige (und vermutlich komplizierte) Erklärung, sondern vielmehr eine möglichst einfache Antwort auf alle Fragen (42). Letztere wollen von der Faktenlage über-zeugt (Zeugen deren beweisbarer Richtigkeit) sein.

Das Letztere muss m. E. dabei nicht immer unbedingt bös enden. Die/der Vegetarier*in/Veganer*in, welche*r einfach nur stur den eigenen Lebensstil mit ein paar Aussagen begründet, die inhaltlich falsch wohl sein mögen oder als Zeugen Jehovas oder sonstige Angehörige einer religiösen Gemeinschaft für sie indiskutablen Postulaten nachhängen können, trotzdem das (z. B. moralisch) Richtige so machen, Gutes tun. Auch Pazifisten, Umweltaktivisten usw. (sogenannte "Gutmenschen") können m. E. schwarzweiß denken.

M. E. Geht es nur darum, ob man die Welt halt möglichst differentiert und realitätsnah erklärt haben will, oder lieber möglichst simpel und (erklärungsimmanent) konfliktfrei.

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Zuletzt geändert von 2ost am 22. September 2019, 12:04, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Schwarz/Weiss-Denken vs. Überzeugungen

Beitragvon Ghostvoice » 22. September 2019, 12:02

Indigocat hat geschrieben:
Ghostvoice hat geschrieben:Kurzum: woran könnte man erkennen, daß man ein Prinzip verfolgt oder einfach nur stur agiert?
An den Graustufen,...

Ich denke, daß auch jemand, der stur auf etwas fixiert ist, Graustufen in seiner eigenen Wahrnehmung sieht. Auch wenn andere diese nicht erkennen können. Vermutlich weil die Anzahl der Abstufungen so gering kst, daß es von Aussen betrachtet eigentlich keine Wirkung hat. Dieser Mensch wird sich meist so oder so verhalten und ist damit in seiner Aussenwirkung wie jemand, der einen rationalen Grund für sein Handeln hat.

Mein bereits erwähnter Arbeitskollege ist sicher ein gutes Beispiel dafür:
Er hasst Ausländer... kommt aber mit Menschen mit Migrationshintergrund zurecht, wenn sie gut Deutsch sprechen. Oder hübsche Frauen sind!
Auf wen das nicht zutrifft, mit dem geht er schonmal recht hart und respektlos um. Er differenziert in seinem SW-Denken: es gibt gute und schlechte von „denen“.
Sein grundsätzlicher Tenor bleibt dennoch: DIE müssen alle raus (ich formuliere es hier „charmanter“ als er es tun würde...)
Und das sehe ich als ein typisches Gut/Böse-Denken an...

Ein Gedanke dazu war, worauf sich die eigene Weltsicht stützt: Entweder primär auf die eigene Gefühlswelt oder auf Erkenntnisse, welche man durch rationales Denken erlangt.
Beides bildet unsere Weltsicht, aber doch scheint mir, daß Menschen von einem der beiden der beiden stärker beeinflusst sind.

Indigocat hat geschrieben:Wobei ein "Böser", der jemanden übers Ohr haut, die Umwelt schädigt usw. sein Tun wahrscheinlich nicht als böse erlebt.

Ich hatte mal einen Vorgesetzten auf den diese Beschreibung zutrifft. Es war ein schon fast heiliges Prinzip seine Mitarbeiter zu belügen und schreckte auch nicht vor Betrug (finanziell) zurück... doch hatte ich weder damals noch heute den Eindruck, daß er sich irgendwie im Unrecht sah. Wenn sein Menschenbild dergleichen war, daß man das bezüglich seiner Mitarbeiter das so machen muss, war er vor sich selbst natürlich immer im Recht.
In einer rationalen Konfrontation mit seinen Handlungen hätte er sich mit seiner Weltsicht wohl kaum rechtfertigen können. Das musste er aber auch niemals, da er die Dinge stets so drehte, daß er alles richtig gemacht hatte. In der Hinsicht ein schlauer Fuchs. ;)

Die Frage, die sich daraus ergibt: jemand schädigt sein Umfeld... aber was wiegt nun schwerer? Seine Auffassung, was nun Schaden genau ist oder die Ansichten seines Umfeldes?
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Re: Schwarz/Weiss-Denken vs. Überzeugungen

Beitragvon Ghostvoice » 22. September 2019, 12:10

2ost hat geschrieben:.
M. E. Geht es nur darum, ob man die Welt halt möglichst differentiert und realitätsnah erklärt haben will, oder lieber möglichst simpel und (erklärungsimmanent) konfliktfrei.

Und woran könnte man - zumindest vermuten - ob die eigenen Ansichten nun simpel oder differenziert sind? Denn im Recht wähnt sich jeder von uns... die Frage stellt sich immer nur, wenn wir mit abweichenden Weltbildern konfrontiert werden.
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Re: Schwarz/Weiss-Denken vs. Überzeugungen

Beitragvon 2ost » 22. September 2019, 12:40

Ghostvoice hat geschrieben:Und woran könnte man - zumindest vermuten - ob die eigenen Ansichten nun simpel oder differenziert sind? Denn im Recht wähnt sich jeder von uns... die Frage stellt sich immer nur, wenn wir mit abweichenden Weltbildern konfrontiert werden.
An der eigenen Bereitschaft, seinen Standpunkt kritisch zu hinterfragen, denke ich. Ich z. B. bin ziemlich stur, wenn es um die Frage geht, ob man Menschen im Mittelmeer ertrinken oder in syrischen Lagern verkommen lassen sollte. (Nein, und darüber diskutiere ich auch nicht!) Das ist schwarzweiß und das weiß ich aber auch

Vice versa wird dein Arbeitskollege sicherlich auch aus tiefstem Hezen empfinden, dass alle Ausländer weg müssen und darüber gleichermaßen nicht diskutieren mögen. An anderen Punkten bin ich (m. E.) aber z. B. sehr wohl bereit zu diskutieren, mir Gegenargumente anzuhören und diese mehr oder minder offen zu überdenken.

Ich denke also, man kann sehr wohl und sehr leicht selbst erkennen ob, bzw. wo man rein schwarzweiß denkt und wo man tatsächlich über-zeugt (also von den das bezeugenden Umstände in seinen vorherig anderen Ansichten möglicherweise ja auch überstimmt) ist.

Ob man diese Erkenntnis der Außenwelt dann aber wiederum dann auch so offen eingesteht, ist dann vielleicht wieder etwas Anderes - also zumindest bei weitestgehend neurotypischen Menschen jetzt.


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Re: Schwarz/Weiss-Denken vs. Überzeugungen

Beitragvon hinterdemmond » 22. September 2019, 14:31

2ost hat geschrieben:Die kurze Antwort: Als Gallileo Gallilei wegen seiner These des heliozentrischen Weltbildes (nicht die Sonne dreht sich um die Erde, sondern umbekehrt) vor der heiligen Inquisition sich zu erklären versuchte, sollen seine Richter erwidert haben, er möge sie doch bitte nicht mit Fakten behellligen, da sie sich ihre Meinung längst gebildet hätten.[*]

war das nicht kopernikus, mit dem heliozentrischen system? galilei hat, glaube ich, als erster erkannt, dass sich die erde um die eigene achse dreht.

zum thema: ich denke, überzeugungen erlauben eine gewisse plastizität. reines schwarz-weiß-denken nicht. zb. hat lenin, nachdem die frischgegündete sowjetunion nach einem zermürbenden bürgerkrieg wirtschaftlich am boden lag und sich einfach nicht erholen wollte, eine sogenannte "neue wirtschaftspolitik" eingeführt: die bauern haben ihr land zurückbekommen, kleinere betriebe durften wieder privat geführt werden, größere konnten genossenschaftlich organisiert werden. nur die wichtigen schlüsselindustrien sollten weiterhin in staatlicher hand bleiben. die wirtschaft hat sich schlagartig erholt, und die sowjetunion erlebte sowas wie ihre goldenen zwanziger.
stalin hat das dann alles wieder plattgemacht, weil er befürchtete, dass eine derartige, dezentrale, in teilein marktwirtschaftliche wirtschaftsform auf dauer die macht der partei schwächen würde.
hier sehe ich aber bei lenin eine gewisse plastizität, die dinge auch anders denken zu können, ohne komplett von den eigenen überzeugungen abweichen zu müssen (selbst wenn das reinem pragmatismus geschuldet wäre). mit schwarz-weiß-denken wäre das, denke ich, nicht möglich gewesen.
auch im abseits sterben helden. (clickclickdecker)

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Re: Schwarz/Weiss-Denken vs. Überzeugungen

Beitragvon 2ost » 22. September 2019, 15:24

An hinterdemmond (:
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Re: Schwarz/Weiss-Denken vs. Überzeugungen

Beitragvon hinterdemmond » 23. September 2019, 10:33

2ost hat geschrieben:Ja und nein. Die Grunderkenntnis stammte wohl von Kopernikus, der es als Protestant halt etwas leichter hatte, sie zu vertreten, denn der Katholik Galilei und mit dem Galilei nachweislich in Kontakt wohl auch stand. Und ja, Galilei wurde vielmehr der Ausspruch zugeschrieben, beim Verlassen des Gerichtssaals geäußert zu haben "und sie [die Erde] dreht sich doch".

echt jetzt? die beiden hatten miteinander kontakt? schickte kopernikus dem galilei botschaften aus dem jenseits? krasses ding!
nichts für ungut, ich musste erst auch nachgoogeln um sicher zu sein, weil mein gedächtnis stur den einen in die erste hälfte der 16ten und den anderen eher in die erste hälfte des 17ten jahrhunterts einsortierte, und wikpedia sagte mir tatsächlich, dass kopernikus ca. 20 jahre vor galileos geburt starb.
aber wo dur recht hast. das ganze war zu der zeit nur eine theorie, die auf sehr wackligen beinen stand, denn man brauchte nur den blick gen himmel zu heben, um diese theorie ernsthaft anzuzweifeln. und galileo galilei wollte sie unbedingt beweisen, weil er dazu auch schon ganz andere zu der zeit moderne hilfsmittel hatte: ein teleskop z.b. und vielleicht wäre es ihm sogar gelungen, wenn die kirche ihn nicht zurückgepfiffen und mit dem scheiterhaufen gedroht hätte. immerhin ist giordano bruno für ähnliche "spinnereien" tatsächlich verbrannt worden. (hier kennt den komischerweise kaum jemand, in russland ist er sowas wie ein volksheld. frag jeden busfahrer: "kennst du giordano bruno?". dann sagt er: "na klar, mann, war das nicht der typ, der als erster die unendlichkeit des universums mit den vielen sonnen und planetensystemen darin erkannte? voll krass der mann!" hier fragst du jeden zweiten akademiker: "giordano bruno? keine ahnung, hört sich wie eine marke für ein männerparfüm an." ich frag mich immer wieder: wie wollen wir mit diesen eliten die welt retten?
aber zurück zum thema: galileo galilei ist natürlich das klassische beispiel für jemanden, der seine überzeugungen, an die er felsenfest glaubte, und die sich schließlich als völlig richtig herausstellten, ein leben lang verleugnen musste, um eben am leben zu bleiben. was das mit einem menschen macht, mag man sich kaum vorstellen.
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Re: Schwarz/Weiss-Denken vs. Überzeugungen

Beitragvon 2ost » 23. September 2019, 10:58

:erschrocken: Danke für die Korrektur! *facepalm*
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