Schizoid - Ja oder Nein?

Die Gegenüberstellung der schützenden Distanz und dem Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen.
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Schizoid - Ja oder Nein?

Beitragvon DerNeue » 30. Juli 2016, 03:53

Hallo Zusammen

Ich selber bin nicht Schizoid obwohl bei mir auch gewisse Anzeichen darauf deuten.

Mir geht es hier um meinem Bruder der mir Heute während einer Familienfeier gebeichtet hat das er Schizoide ist.

Er wurde als kleiner Junge gemobbt weil ihm sein Knochen bei der linken Brust hinausgewachsen ist und er zu Verbesserung was tragen musste, deswegen musste er auch 1x die Schule wechseln. Von Familienangehörigen wurde er früher oft aber nicht immer, abgewiesen.
Ich habe hier auch meine Teil dazu beigetragen aber natürlich nicht mit Absicht zumal ich das Gefühl auch kenne.

Er ist jetzt seit mehreren Jahren in Therapie bei einem Psychotherapeuten.
Seine Lehre hat er letztes Jahr abgeschlossen und seitdem hat er nicht gearbeitet und die Situation hat sich auch verschlechtert. Wir hatten wegen ihm oft Stress in der Familie da er nie mit uns gegessen hat geschweige denn was anderes mit uns unternommen hat.
Wir dachten sogar das er nicht mal mit uns in den Urlaub fahren wird, was er dann aber doch tat, da er sich oft in seinem Zimmen gekrochen hat und dort Spiele zockte. Er hat wenige Freunde und eine Freundin hatte er glaub ich auch noch nie.

Jedenfalls, das sind Anzeichen und da er es mir von selbst sagte ist jetzt meine Frage ob er wirklich ein Schizoide ist oder nicht da ihm das anscheinend so gesagt wurde. Bei der Feier hat er desöfteren Grimassen gezogen von dem er sagt das ers nicht absichtlich macht aber er es nun mal nicht kontrollieren könne. Er trinkt gerne Alkohol und raucht auch. Man kann mit ihm auch ganz normal reden nur tickt er oft zu schnell aus, vorallem früher, jetzt im Urlaub hat es sich gebessert.

Wäre froh um jede Antwort damit ich weiss wie ich da vorgehen kann/soll um ihm zu helfen.

Gruss der Neue.

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Re: Schizoid - Ja oder Nein?

Beitragvon orinoco » 30. Juli 2016, 18:59

Hallo DerNeue,,

erst mal herzlich willkommen, auch wenn das hier nicht das "Hallo und Willkommen"-Forum ist ;)

Erst mal: die Absicht helfen zu wollen ist sicher lobenswert, aber ich denke das hat in zweierlei Hinsicht seine Grenzen.
Zum einen vertrete ich die Ansicht, dass eine SPS nicht heilbar ist, sondern man nur lernen kann damit zu leben.
Zum zweiten vertrete ich die Ansicht, dass man einem Menschen nicht nur begrenzt helfen kann, sondern auch sollte.
Zitat aus "Timm Thaler":
Wir dürfen ihm nicht zu sehr helfen. Sonst wird er immer einen von denen bleiben, die sich darauf verlassen, dass ihm andere schon helfen werden

Häufig ist es auch so, dass Hilfe unwillkommen ist und dann einen ganz gegenteiligen Effekt hat, nämlich noch mehr Rückzug und soziale Isolation. Daher kann es oft sein, dass man erst mal auf dem Boden aufschlagen muss, bevor man sich berappelt und versucht sein Leben in den Griff zu bekommen.

Meine Tipps für dich als Angehöriger daher:
Da Verständnis sehr wichtig ist, mach dich etwas über Hirnentwicklung und frühkindliche Traumatisierung schlau (BTW heute nach auf ARD-alpha: Hirnforschung für Schlaflose (Schizoide ;-) ) - Teil 3)
Als Bruder dürfte es dir auch nicht schwer fallen mal einen genaueren Blick auf eure Familiengeschichte zu werfen. Wie war/ist das Verhältnis zu euren Eltern (seins und deins) insbesondere zur Mutter? Herzlich, warm? oder eher unterkühlt distanziert? Irgendwelche besonderen Ereignisse in der kritischen Hirnentwicklungsphase deines Bruders von ca. 1½ bis 3 Jahre? Du hast schon selbst einige Hinweise gegeben. Das ist schon die richtige Richtung. Gab oder gibt es irgendwelche Bezugspersonen im familiären Umfeld, die für ihn wichtiger waren als Mutter oder Vater? Oma, Tante, Onkel, Nachbarn. Alles wichtig um ihn besser zu verstehen, warum er so wurde wie er ist. Ob man es dann am Ende "schizoid" nennt oder nicht ist eigentlich zweitrangig.
Und als konkrete Handlungsempfehlung: Stress vermeiden! Wenn er ein Stressregulierungsproblem hat, dann kann er Stress sehr schlecht regulieren, macht ihm schwer zu schaffen und schadet letztlich auch seiner Gesundheit. Alkohol und Zigaretten wirken zwar sehr gut gegen Stress, aber über die Folgen brauch ich sicher nicht weiter schreiben. Da hat man schnell zwei oder mehr statt nur einem Problem. Aber auf keinem Fall ihm das vorwerfen. Es hat einen guten Grund, dass er sie braucht, eben weil er seinen Stress selbst nicht geregelt bekommt. Gut gemeinte, aber unwillkommene Ratschläge sind eben auch Schläge und damit kontraproduktiv und machen nur mehr Stress.
Also Stress vermeiden, aber da Stress sehr individuell ist, muss man erst mal rausfinden, was ihn stresst und triggert und das dann gezielt vermeiden mit mehr Rücksichtnahme und kreativen Lösungen.
Also zusammengefasst zwei Punkte für Angehörige: Verständnis und Stress vermeiden.

Was ist eigentlich bei der jahrelangen Psychotherapie herausgekommen? Kann man daran irgendwas als Erfolg bewerten? oder eher ... naja ... ich sehe die institutionelle Therapie ja ziemlich kritisch ...

LG

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Re: Schizoid - Ja oder Nein?

Beitragvon DerNeue » 31. Juli 2016, 23:35

Danke für die schnelle Antwort.

Das Verhältnis zu unseren Eltern ist eher warm, auch wenn es mal hier und da kracht, das ist aber normal.

Ich war auch nicht immer da für ihn so das ich früher vieles nicht mitbekommen habe.
Vor einpaar Monaten ist es dann zu einen kleinen Zwischenfall gekommen, er wollte eben nie Raus, ich bat ihn immer mitzukommen mit mir zu Essen aber meistens kam eine Absage, dann bin ich kurz ausgetickt wurde bisschen lauter und agressiver ohne ihn jetzt physisch angegriffen zu haben und er tickte dann auch aus wollte sogar physische Gewalt anwenden aber hat sich dann beruhigt, ging raus und kam nicht mehr nach Hause.
Ich hatte dann logischerweise Schuldgefühle, bis ich dann durch die Polizei rausgefunden habe das er zuerst im Krankenhaus war und die ihn dann in einer Klinik gebracht haben.
Normalerweise ist er sonst in seinem Zimmer und zockt oder sonst geht er Raus um eine zu Rauchen oder zu einen Kumpel den keiner von unserer Familie kennt, er ist verschlossen.

Er war früher nicht so, es wurde von meinem Gefühl her sogar schlimmer, seitdem er nichts macht, vorher hat er seine Ausbildung abgeschlossen und war ja dort auch unter Menschen und diesen Therapeuthen kenne ich nicht persönlich, nur er und mein Vater.
Du hast da eben noch einen guten Punkt angesprochen, meine Eltern (vorallem mein Vater) machr einfach alles für ihn, sei es Essen bringen, Rechnungen bezahlen usw usf. Was ich nie gutgeheissen habe da er es so nie lernt, und er ist absolut nicht dumm und weiss das auch.

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Re: Schizoid - Ja oder Nein?

Beitragvon orinoco » 1. August 2016, 10:23

Hi DerNeue,

also eine wirklich schlüssige Erklärung für den Charakter deines Bruders kann ich deinen Worten noch nicht entnehmen. Grundsätzlich können auch wohlmeinende Eltern ihr Kind traumatisieren, bis zum Extremfall der Helikoptereltern, die ihr Kind vor allem Unbill abschirmen und ihm so auch nicht ermöglichen den Umgang mit Emotionen zu lernen. Dass eure Eltern ihm alles nachtragen könnte ein Hinweis für falsch verstandene Elternliebe sein, sprich materielle statt emotionaler Zuwendung.
Ich denke da ist noch mehr Detektivarbeit notwendig und sicher lange Gespräche mit Bruder und Eltern. Mehr Verständnis bei denen für die Situation ist sicher auch wichtig. Die Voraussetzungen erscheinen mir auch nicht schlecht, wenn eure Eltern grundsätzlich hilfsbereit sind. Das könnte wesentlich schlechter sein.
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Re: Schizoid - Ja oder Nein?

Beitragvon Headmatter » 1. August 2016, 11:30

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Re: Schizoid - Ja oder Nein?

Beitragvon DerNeue » 1. August 2016, 12:17

Er wollte früher oft mit seinen Freunden was unternehmen aber da er nie sagte wohin er geht, mit wem genau usw. Haben ihn meine Eltern verfolgt. Das Geld da er verdiente ging auch zu meinen Eltern da er mit Geld nicht so umgehen kann und es direkt ausgibt. Bei seinen Freunden verhält er sich auch anders als mit der Familie, sprich nicht so agressiv oder respektlos, obwohl sich das im Urlaub jetzt gebessert hat, vllt ist das so eine Art Entzug für ihn.

Aus meiner Sicht spielen meine Eltern hier eine wichtige Rolle das er zu dem wurde was er jetzt ist, und auch seine Freunde und Mitschüler von damals.

Er ist oft abweisend, deswegen frage ich max. 2x und wenn er nein sagt lass ich ihn.
Unter Menschenmassen, in einem Tisch zb ist er oft ruhig und macht ab und an komische Gesichtszüge, wenn er aber jemanden von denen kennt geht er selber hin und grüsst diese Person, also ist er eig offen kann man sagen. Kritik nimmt er oft auf und sagt das es ihm egal sei was andere denken. An Regeln hält er sich kaum, auch schon in der Schule als er Mal eine Strafarbeit schreiben musste hat er sie nicht gemacht.

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Re: Schizoid - Ja oder Nein?

Beitragvon MirrorMirror » 1. August 2016, 15:06

DerNeue hat geschrieben:Wäre froh um jede Antwort damit ich weiss wie ich da vorgehen kann/soll um ihm zu helfen.


Gibt es Deiner Erinnerung nach Unterschiede zwischen Deiner Erziehung und der von Deinem Bruder?
War er das schutzbedürftige Kind? Hat man ihn gegen das Mobbing geschützt? Hat man ihn ansonsten überbeschützt?

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Re: Schizoid - Ja oder Nein?

Beitragvon Indigocat » 1. August 2016, 15:19

DerNeue hat geschrieben:Unter Menschenmassen, in einem Tisch zb ist er oft ruhig und macht ab und an komische Gesichtszüge, wenn er aber jemanden von denen kennt geht er selber hin und grüsst diese Person, also ist er eig offen kann man sagen.


Das klingt nach einer Tic-Störung. :rätseln:
Wenn sich eine Tür vor uns schließt, öffnet sich eine andere. Die Tragik ist jedoch, dass man auf die geschlossene Tür blickt und die geöffnete nicht beachtet. André Gide


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