"Ungeselliger Stil" von Oldham / Morris

Die Gegenüberstellung der schützenden Distanz und dem Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen.
Benutzeravatar
Headmatter
erfahren
erfahren
Beiträge: 421
Registriert: 2. Juni 2015, 09:23
SPS: Eher Ja

"Ungeselliger Stil" von Oldham / Morris

Beitragvon Headmatter » 7. Dezember 2015, 09:40

Der Psychiater John M. Oldham beschreibt verschiedene Persönlichkeitstypen und ihre jeweils milde und psychiatrisch auffällige Ausprägung.

In Kapitel 13 des Buchs "The New Personality Self-Portrait" beschreibt er "Solitary Style - The Loner" bzw. in der Übersetzung "Ungeselliger Stil - der Einzelgänger" den Charakter von Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstruktur.

Ich zitiere aus der Übersetzung:

Ungesellige Menschen sind unabängig. [...] Ihr Wunsch nach Einsamkeit ist weder eine Reaktion noch ein Vermeiden. Sensible Menschen z.B. vermeiden andere oft, weil sie in deren Nähe nicht sie selbst sein können. Einige exzentrische Typen ziehen sich von der Gesellschaft zurück, weil sie sich den konventionellen Verhaltensregeln nicht anpassen können. Ungesellige Typen dagegen ziehen einfach ihre eigene Gesellschaft vor. Sie sind gern allein. Sie brauchen niemanden, um ihr Selbstwertgefühl aufzupäppeln oder sie vor der Langeweile zu retten. Sie fühlen sich keineswegs einsam. [...]

Kann mich darin gut wiederfinden. Finde den Kontakt zu anderen durchaus anregend, brauche das aber nur sporadisch & finde letzteres auch nicht pathologisch. Ist nur schwer, dass Nähesuchern verständlich zu machen.
"T. H. White always took great pains to be gentle precisely because he wanted to be cruel."

Online
Benutzeravatar
hinterdemmond
erfahren
erfahren
Beiträge: 414
Registriert: 14. Oktober 2015, 01:05
SPS: Vielleicht

Re: "Ungeselliger Stil" von Oldham / Morris

Beitragvon hinterdemmond » 7. Dezember 2015, 13:49

Ja, das trifft so ziemlich genau auf mich zu. wobei ich eigentlich auch keine wirklichen probleme mit menschen habe.
ich gehe sogar ganz gern auf partys. manchmal. allerdings am liebsten alleine. wenn man leute im schlepptau hat, muss man sich um sie kümmern, mit ihnen reden, oder sich verabschieden, wenn man geht. alleine kann man auftauchen und wieder verschwinden wann man will. auf großen partys oder in clubs, wo man weitgehend anonym bleiben kann, fühle ich mich am wohlsten. ich suche mir dann einen platz, von dem ich einen guten überblick über das geschehen habe, trinke mein bier oder schnorre mir bei einem zufälligen nachbar eine zigarette (normalerweise bin ich nichtraucher) und beobachte die leute. das ist für mich ein bisschen wie in den zoo gehen oder ins theater. so kleine partys im freundeskreis sind mir dagegen ein graus. wo alle im kleinen grüppchen rumsitzen, bei kerzenschein wein trinken und sich über ihre befindlichkeiten unterhaten. da schlafe ich meistens vor langeweile ein oder drifte in meinen gedanken ab. oder, noch schlimmer, ich fange irgendeine bescheuerte diskussion an, und versuche die anderen auf biegen und brechen von meinem recht zu überzeugen. dann ist meistens die harmonische kerzenscheinstimmung futsch und alle gucken betreten zu boden. und meine frau schimpft hinterher: "du hast dich mal wieder voll daneben benommen, da können wie uns jetzt nie mehr blicken lassen." "na ist doch wunderbar!" - ist dann meist meine antwort. "du bist ein unmöglicher mensch"- die ihre. (aber ich liebe meine frau, für sie würde ich auch nach zehn jahren ehe immer noch in einen fluss voller krokodile springen.)

aus ähnlichen gründen habe ich auch fast keine freunde. entweder sie halten es mit mir nicht aus (ich spotte ja auch ständig und mache zynische witze), oder sie sind beleidigt, weil ich mich nie bei ihnen melde. am ehesten kann ich noch mit frauen befreundet sein (rein platonisch versteht sich), sie sind in der regel geduldiger und verständnisvoller as männer, dafür bin ich dann voll gentleman, trage sie auf händen, oder schleppe ihnen waschmaschinen in den fünften stock. oder mit künstlerkollegen, da kann man einfach über die sache reden oder gemeinsame ausstellungsaktivitäten planen.

sonst bin ich sogar eingeschränkt teamfähig (aber nur sehr eingeschränkt) und nur wenn ich eine aufgabe habe, die ich von a bis z allein machen kann. sozusagen als ein teilstück zum ganzen. in der schule habe ich total unseren hausmeister bewundert. er sass immer in seinem kabuff im keller, hat kette geraucht, bier gesoffen und sich von niemandem was sagen lassen, und alle hatten respekt vor ihm, vom fünftklässler bis zum schuldirektor. ich habe sogar mein schulpraktikum bei ihm absolviert. am ersten tag wollte er mich gleich wieder loswerden, um seine ruhe im kabuff zu haben. wir hatten gerade maler im haus, aber keine privatfirma sondern abm-leute von der städtischen arbeitsbeschaffungsmaßnahme. wir gingen hoch in den raum, wo sie gearbeitet haben und sahen, wie sich ca. 5-6 leute hoch auf einem mobilen 2x3 meter gerüst drängten und gemeinsam die decke strichen. jeder so ein paar quadratzentimeter. bei jeder bewegung wackelte das ding hin und her, und sie mussten sich aneinander oder am geländer festhalten. "na schau dir das mal an, wie schiffsbrüchige auf einer eischolle"- rief der hausmeister breit grinsend in den raum. (das ganze muss man sich noch in einem schönen, erzgebirgischen sächsisch vorstellen.) er lies mich dann auch gleich da. ich musste unten stehen bleiben und das ding weiterschieben, wenn sie mit einem stück decke fertig waren. so musste keiner jedesmal runter vom gerüst deswegen. "wie schiffsbrüchige auf einer eisscholle"- bei unliebsamer gruppenarbeit muss ich heute noch manchmal daran denken.
Zuletzt geändert von hinterdemmond am 9. Dezember 2015, 09:45, insgesamt 1-mal geändert.
auch im abseits sterben helden. (clickclickdecker)

Benutzeravatar
cerebrum
erfahren
erfahren
Beiträge: 332
Registriert: 2. November 2014, 01:03
SPS: Ja

Re: "Ungeselliger Stil" von Oldham / Morris

Beitragvon cerebrum » 9. Dezember 2015, 03:51

Gesellige Menschen sind abhängig. [...] Ihr Wunsch nach Gemeinsamkeit ist kein Resultat aus Anpassung oder gesellschaftlichem Zwang. Gesellige Typen ziehen die Gesellschaft anderer vor. Sie sind nicht gern allein. Sie brauchen jemanden, um ihr Selbstwertgefühl aufzupäppeln oder sie vor Langeweile zu retten. Sie fühlen sich ohne andere Menschen schnell einsam. [...]

Nun DAS klingt nach einer schweren Störung! Ein Glück bin ich gesund und leide nicht unter Geselligkeit.
Was ist wohl die Ätiologie dieser schweren Persönlichkeitsstörung? Vermutlich ist bei diesen Menschen in der Kindheit viel schief gelaufen...
The world's smartest man poses no more of a threat to me than does its smartest termite.

tiffi
alteingesessen
alteingesessen
Beiträge: 996
Registriert: 5. Juli 2014, 11:27
SPS: Eher Ja

Re: "Ungeselliger Stil" von Oldham / Morris

Beitragvon tiffi » 9. Dezember 2015, 06:19

Geselligkeit ist irgendwie ja immer mit Quatschen verbunden, mit Rollenspiel und agieren....
Geselligkeit geht wohl kaum ohne Projektionen....


Gemeinschaft und Bindung ist irgendwie was anderes für mich als Geselligkeit.
Ersteres zum ablenken, Zeitvertreib oder Narrsein....ab und an ok oder notwendig wenn man sich
eh irgendwo aufhalten muss (aber mit stillen Zwischenzeiten wenn möglich da es end-anstrengend ist für
mich und es sich für mich "krank" anfühlt so zu agieren)

Gemeinschaft und Bindung gehört nie auf den Arbeitsplatz....und selten in den Bekannten/Hobbykreis...
ein rares Gut...

Benutzeravatar
Ambivalenz
alteingesessen
alteingesessen
Beiträge: 853
Registriert: 4. April 2013, 10:20
SPS: Ja

Re: "Ungeselliger Stil" von Oldham / Morris

Beitragvon Ambivalenz » 9. Dezember 2015, 10:07

Headmatter hat geschrieben:Ungesellige Menschen sind unabängig. [...] Ihr Wunsch nach Einsamkeit ist weder eine Reaktion noch ein Vermeiden. Sensible Menschen z.B. vermeiden andere oft, weil sie in deren Nähe nicht sie selbst sein können. Einige exzentrische Typen ziehen sich von der Gesellschaft zurück, weil sie sich den konventionellen Verhaltensregeln nicht anpassen können. Ungesellige Typen dagegen ziehen einfach ihre eigene Gesellschaft vor. Sie sind gern allein. Sie brauchen niemanden, um ihr Selbstwertgefühl aufzupäppeln oder sie vor der Langeweile zu retten. Sie fühlen sich keineswegs einsam. [...]

Hm. Auf mich trifft alles dreies zu.
Dann bin ich wohl sensibel, exzentrisch und ungesellig.
:glück:
Wer leuchten will, der flieht das Licht...
Grey would be the color, if I had a heart.

Benutzeravatar
Headmatter
erfahren
erfahren
Beiträge: 421
Registriert: 2. Juni 2015, 09:23
SPS: Eher Ja

Re: "Ungeselliger Stil" von Oldham / Morris

Beitragvon Headmatter » 9. Dezember 2015, 10:12

Sagen wir's mal schlichter: Viele, wenn nicht die meisten Menschen haben gerne andere Menschen um sich.

Pathologisch wird's wohl erst, wenn man andere Menschen DAUERND um sich haben MUSS, um sich wohl zu fühlen.

Solche Zeitgenossen kenne ich auch. Können das Alleinsein schlicht nicht aushalten. Höchst eigenartig.
"T. H. White always took great pains to be gentle precisely because he wanted to be cruel."

Online
Benutzeravatar
hinterdemmond
erfahren
erfahren
Beiträge: 414
Registriert: 14. Oktober 2015, 01:05
SPS: Vielleicht

Re: "Ungeselliger Stil" von Oldham / Morris

Beitragvon hinterdemmond » 9. Dezember 2015, 12:59

9. Dez 2015, 10:12 » Headmatter hat geschrieben:Solche Zeitgenossen kenne ich auch. Können das Alleinsein schlicht nicht aushalten. Höchst eigenartig.

In meiner heimat ist das völlig normal. es kann vorkommen, dass um 22:30Uhr jemand bei dir klingelt, du machst auf und irgend ein nachbar steht mit einer flasche vodka unterm arm vor deiner tür und will mit dir saufen, und über gott und die welt reden. vermutlich hat er schon an zig anderen türen geklingelt, aber du hast nun das pech, ihm aufgemacht zu haben. lehnst du des öfteren sowas ab, werden über dich gerüchte verbreitet, dass du ein psychopath bist, der in seiner freizeit gerne kleine kinder quält, warum soltest du denn sonst niemanden in deine wohnung reinlassen wollen. oder zb. du fährst ganz allein im zug, liest ein buch und bist ganz froh und glücklich darüber. wenn hier in deutschland ein weiterer fahrgast hinzukommt, wird er sich in der regel möglichst weit weg von dir setzen, weil er deine privatsphäre nicht verletzen möchte. in russland würde diese szene in etwa so ablaufen: die tür geht auf, ein mensch kommt rein, sein blick streift über den leeren waggon, sieht dich, das gesicht verzieht sich in einem breiten grinsen, er kommt auf dich zu und plumst sich auf den sitz direkt neben dir. dann haucht er dich lustig mit seiner alkoholfahne an, streckt dir seine pranke entgegen, und sagt mit einer tiefen, versoffenen stimme: "walerij". tja, in ruhe dein buch lesen kannst du ab jetzt vergessen. und er tut das ja nur für dich. er kann dich ja nicht einfach so allein lassen und sich selbst auch nicht. denn dann tut sich ein riesiges, schwarzes loch vor ihm auf, dass immer größer wird und ihn schließlich zu verschlingen droht. und da sitzt du, allein auf deinem platz in einem hell erleuchteten eisenbahnwaggon, der einsam durch die kalte, sibirische nacht rast. ein leidensgenosse! du und er, die beiden letzten überlebenden auf einer eisscholle, die in einem riesigen schwarzen ozean davon treibt. er kann dich einfach nicht allein lassen. -"wo kommst du her?", -"jekaterinburg." -"ach echt? da wohnt meine nichte dritten grades, ich habe sie mal besucht vor etlichen jahren, da war sie noch so klein und jetzt ist sie erwachsen und hat 'nen mann und zwei kinder. ich komme aus toljatti. hast du auch kinder? nein? ich hab zwei. hier, ich hab fotos von ihnen. willst du mal sehen? bin seit zwei wochen von meiner frau geschieden. ja, ja, 20 jahre verheiratet und alles für die katz. willst du ein schluck vodka?"
als ich nach deutschland kam, dachte ich: "wow, endlich normale leute hier!"
auch im abseits sterben helden. (clickclickdecker)

Benutzeravatar
Geextah
engagiert
engagiert
Beiträge: 226
Registriert: 9. April 2015, 10:52
SPS: Ja

Re: "Ungeselliger Stil" von Oldham / Morris

Beitragvon Geextah » 16. Dezember 2015, 08:43

@hinterdemmond: Das ist ja grausig und damit meine ich nicht nur die Alkoholfahne. Ich wüsste gar nicht wohin mit mir. Alleine der Gedanke bereitet mir schon unbehagen...
"Erfindungen bedürfen der ungestörten Ruhe, des stillen, beständigen Nachdenkens und eifrigen Erprobens, und all dies gibt nur die Einsamkeit, nicht die Gesellschaft der Menschen."
- Gerolamo Cardano -

Nichts
suchend
suchend
Beiträge: 8
Registriert: 30. Januar 2016, 16:02
SPS: Eher Ja

Re: "Ungeselliger Stil" von Oldham / Morris

Beitragvon Nichts » 20. März 2016, 12:45

9. Dez 2015, 10:12 » Headmatter hat geschrieben:

Pathologisch wird's wohl erst, wenn man andere Menschen DAUERND um sich haben MUSS, um sich wohl zu fühlen.

Solche Zeitgenossen kenne ich auch. Können das Alleinsein schlicht nicht aushalten. Höchst eigenartig.
diese menschen sind so gruslig. Sobald ich merke dass, jemand fremdes so drauf ist, direkt großen bogen

Benutzeravatar
Sempiternal
interessiert
interessiert
Beiträge: 44
Registriert: 27. Mai 2016, 13:38
SPS: Eher Ja

Re: "Ungeselliger Stil" von Oldham / Morris

Beitragvon Sempiternal » 27. Mai 2016, 20:00

9. Dez 2015, 04:51 » cerebrum hat geschrieben:Gesellige Menschen sind abhängig. [...] Ihr Wunsch nach Gemeinsamkeit ist kein Resultat aus Anpassung oder gesellschaftlichem Zwang. Gesellige Typen ziehen die Gesellschaft anderer vor. Sie sind nicht gern allein. Sie brauchen jemanden, um ihr Selbstwertgefühl aufzupäppeln oder sie vor Langeweile zu retten. Sie fühlen sich ohne andere Menschen schnell einsam. [...]

Nun DAS klingt nach einer schweren Störung! Ein Glück bin ich gesund und leide nicht unter Geselligkeit.
Was ist wohl die Ätiologie dieser schweren Persönlichkeitsstörung? Vermutlich ist bei diesen Menschen in der Kindheit viel schief gelaufen...


Super Post!

Genauso sehe ich das auch. Es ist klar, dass "die Gesellschaft" so etwas wie SPS auch nicht gerne akzeptiert, da es für sie ja erhebliche Nachteile hat. Darum tue ich mich auch so schwer damit, SPS als "Störung" anzusehen. Natürlich muss es für die Gesellschaft als Störung klassifiziert werden. In einem anderen Kontext, z.B. als daoistischer Schüler oder in einem Zen Kloster hätte der SPSler die besten Voraussetzungen und Fähigkeiten, die Praxis zu meistern.


Zurück zu „Isolation VS Kontakte“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast