Rolle der Angst

Die Gegenüberstellung der schützenden Distanz und dem Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen.
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Re: Rolle der Angst

Beitragvon krebsi » 2. März 2015, 01:12

Ich könnte die Rolle der Angst bei Schizoiden vielleicht aus psychologischer Sicht etwas erklären.

Und zwar ist die reine Schizoide Angst eigentlich nur die Angst, Gefühle zu zeigen. Die Psychoanalytiker gehen davon aus, dass eine schizoide Neurosenstrucktur oder Schizoide PS in einer frühkindlichen Phase ensteht. Und zwar der 1. Phase, die sogenannte Intentionale Phase. In dieser Phase wird bei Schizoiden das Urvertrauen gestört.

Zum Beispiel durch wiederspüchliches oder ablehnendes Verhalten von Zuneigung und Gefühle der Mutter zum Kleinkind. Das Kleinkind kann also die Gefühle nicht eindeutig interpretieren und lernt so auch nicht Gefühle zu erkennen oder Gefühle wiederzugeben. Dieses Verhalten manifestiert sich dann in die Persönlichkeit. Auch Tod der Mutter oder Heimaufenthalte etc. können dieses Urvertrauen stören.

Im Erwachsenenalter kann also der Schizoide die Gefühle von anderen nicht immer richtig wahrnehmen oder er hat Angst, bestimmte Gefühle zu zeigen, weil er in der Intentionale Phase duch das enttäuschende Verhalten der Mutter gelernt hat, dass Gefühle zeigen zu enttäuschungen oder Ablehnung führen kann. (Oder durch fehlende Mutter es nicht gelernt hat).

Das ist die eigentliche Angst und tiefsitzendes Misstrauen des Schizoiden.

Die anderen Ängste: paranoide Angst (Verfolgungsängste), Sozialen Ängste haben eigentlich nichts mit einer schizoiden Störung zu tun und haben ihre Ursache auch in anderen frükindlichen Phasen (orale Phase, anale Phase usw.). Sie können aber auch parallel zur Schizoiden Störung oder aber auch als folgesymptome der Schizoiden Störung auftreten.

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Re: Rolle der Angst

Beitragvon sina » 2. März 2015, 08:28

Und zwar ist die reine Schizoide Angst eigentlich nur die Angst, Gefühle zu zeigen.


Meinst du wirklich "Gefühle zeigen" oder allgemeiner "Gefühle haben"? Bzw. die mögliche negative Folge daraus: "in seinen Gefühlen verletzt zu werden" (In seinen Gefühlen kann man auch verletzt werden, wenn man sie nicht zeigt)?

Wenn es nur um das Zeigen geht, dann wäre es ja doch eher die Richtung "Was denken andere von mir?" also eher eine soziale Angst.

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Re: Rolle der Angst

Beitragvon krebsi » 2. März 2015, 14:59

sina hat geschrieben:
Und zwar ist die reine Schizoide Angst eigentlich nur die Angst, Gefühle zu zeigen.


Meinst du wirklich "Gefühle zeigen" oder allgemeiner "Gefühle haben"? Bzw. die mögliche negative Folge daraus: "in seinen Gefühlen verletzt zu werden" (In seinen Gefühlen kann man auch verletzt werden, wenn man sie nicht zeigt)?

Wenn es nur um das Zeigen geht, dann wäre es ja doch eher die Richtung "Was denken andere von mir?" also eher eine soziale Angst.


Also so weit wüde ich jetzt nicht gehen, zu behaupten, dass alle Schizoide keine Gefühle haben. Es gibt wohl solche und solche. Allgemein spricht man von der Angst oder Hemmungen, Gefühle zum Ausdruck zu bringen oder Unfähigkeit Gefühle zu verstehen oder zu erkennen. Man kann das auch schon als eine tiefsitzende unbewusste soziale Angst oder soziale Unsicherheit sehen.

Bei der sozialen Phobie sind aber die Ängste dem Patienten bewusst und Ich-dyston wärend es bei Schizoiden mehr Ich-synton ist.

Ob nun ein Schizoider keine Gefühle hat oder nur nicht zeigen kann, hängt auch damit zusammen inwieweit das Urvertrauen in der frühkindlichen Phase gestört wurde. Grobe Vernachlässigung oder sogar Misshandlungen in dieser Phase können natürlich auch zu einer schizoiden Psychopathie führen (also völlige Gemütlosigkeit).

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Re: Rolle der Angst

Beitragvon BlickwinkelFraktal » 2. März 2015, 16:09

....ein sehr interessanter thread, gute und schwierige Fragen, und interessante Meinungen.. Wollte schon ein paar Mal darauf einsteigen, aber hier erstmal nur zu dem Punkt "Angst, Gefühle zu zeigen bzw. keine zu haben". Da kitzeln mir ein bisschen die Fingerspitzen.

Ich bin der Meinung, es geht darum Gefühle nicht zeigen wollen können zu glauben, oder im Härtefall davon fest überzeugt zu sein. Nicht also darum, keine Gefühle zu haben.

Beispiel, wie sich das bei mir darstellen kann (ich weiß nicht, ob ich beispielhaft bin) - Eine Konfliktsituation, mein Gegenüber ist wütend auf mich und zeigt mir das deutlich. Also eine Situation die mich in jedem Fall in Gefühlserfahrungen bzw. -erinnerung versetzt und auch instinktiv emotional ansprechend wirkt-

[spoil]>ich reagiere auf diese Wut entweder nach außen wenig beeindruckt, und zwar gerade weil sie mich nach innen so heftig triggert. Heißt nicht, dass mir das in dem Moment bewusst ist, denn ich fahre dann den Modus, den Schattentanz im letzten Beitrag beschrieben hat. Kalt, analysierend und hellwach. Dann trete ich automatisch recht eloquent, prägnant und sicher auf. Zur Not vernichtend, das hab ich aber schon sehr lange nicht gemacht. Nach innen fahre ich Gefühlsachterbahn in solchen Momenten, Herzrasen usw. bestätigen mir das.

> oder ich bin richtig in der Falle weil mein Gegenüber eine nach meinem Maßstab besonders vertraute Person darstellt. Dann bricht besagter Panzer im Moment seiner Entstehung, vielleicht weil ich Angst vor meiner aufkeimenden Kälte bekomme, zu sehr in zu alten Dilemma stecke. (Diese dissoziative Variante läuft der ersten bei mir langsam den Rang ab und kommt mit unangenehmen Folgen daher wenn ich Gelegenheit dazu hab, also im Rückzug nach solchen Momenten oder Phasen... mit Panikatakken, kurzen, aber deutlichen Gefühlsausbrüchen, die wie abgeschnitten wieder in Kälte oder Depressionen münden)

-edit- gab auch schon sehr positive Erfahrungen im Umgang mit sowas, läuft nicht zwangsläufig wie oben beschrieben

Vielleicht ist das bei den meisten Anders...? Ich kann nur von mir schreiben. Beide Reaktionsbeispiele deuten für mich auf das erfahren von Gefühlen hin, direkt, oder indirekt, oder indirekt-indirekt.[/spoil]
Ich vermute jeder sogenannte schizoid- Persönlichkeitsgestörte erlebt und erfährt Gefühle. Wann er dies tut, wann er Zugang dazu findet, über welche Hintertreppen es bei ihm kommt und wie sich ihm dies Gefühle darstellen usw. ist die Frage. Und welche Konsequenzen er daraus für sich zieht. .....auch beim nach Außen stellt sich nicht die Frage nach einem "ob" sondern dem "wie" von Gefühlen.

Irgendwie stimme ich der Beobachtung in Teilen zu, Schizoide "könnten" Gefühle nicht zeigen. Das ist aber sprachlich völlig unausreichend gefasst. Erstens weil es impliziert, es gäbe kein aktivierbares oder erlernbares Aktions-Potential >Empfindungen für Andere sichtbar darzustellen<. Zweitens bleibt das jeweilige Gegenüber unberücksichtigt, das durchaus in der Lage sein kann, eine feinsinnigen Zugang zum SPSler aufzubauen.
Ob dieser das dann wiederum glauben wollen kann ist eine andere Frage.
Ich denke schon und habe es auch schon erlebt, also aus beiden Richtungen, kann aber nicht für Andere sprechen.

Oder es findet auf der kognitiven Ebene ein Abgleich statt, der auch auf die emotionale absichernd wirkt. Also miteinander sprechen, schreiben, wohldosierte und gütige Kommunikation. Das ist für viele allerdings sehr schwer, weil sie denken sie müssten dabei versuchen, sich in formellen Projektionen abzusichern, also irgendetwas oder irgendwen darstellen, um ein liebenswertes oder attraktives Ich zu vermitteln. Womöglich aufgrund einer tiefen Verunsicherung gegenüber der eigenen Identität, welche, schwer-kalkulierbaren sozialen Wechselwirkungen ausgesetzt, ....angepasst werden "muss". So zeigt es sich zumindest in den Forenbeiträgen hier immerwieder und so kenne ich es auch von mir selbst. Nebst anderen Möglichkeiten.

Natürlich empfinden schizoide, Teilzeit-Schizoidotype, schizotype...zoide Gefühle. Und zwar dann, wenn sie sie empfinden. Wer, wenn nicht ein empfindungsfähiger Mensch könnte verhindern versuchen, Gefühle zu zeigen. Dazu muss er sie nämlich erstmal kennengelernt haben. Was er daraus macht, sein Zungang, Umgang, Verdauung und Verformung können ihm das entfremden und verbauen, sicher. Aber ich glaube nicht, dass man das eigene Potential zu Empfinden löschen kann. Das wäre die totale Dissoziation, der Tod des Bewusstseins in seiner Interaktion mit "der Welt", egal wie klein sie ist.

:stern: geändert... tausendmal

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Re: Rolle der Angst

Beitragvon sina » 3. März 2015, 00:11

@ BlickwinkelFraktal

Mir ging es um die Angst davor Gefühle zu haben. Im Prinzip wäre es denkbar, dass jemand wahnsinnige Angst davon hat, Gefühle zu zeigen, aber sie zu haben ist kein Problem (zumindest dann, wenn man für sich ist).

Etwas ganz anderes ist es, wenn man tatsächlich vor seinen eigenen Gefühlen Angst hat. Gerade heute ist mir das bei einer Person passiert, die aktuell um jemanden trauert und Angst hat, dass Dinge in der Umwelt sie wieder an den Verlust erinnern und damit die Gefühle wieder aufleben lassen.

Das kann dann im Extremfall dazu führen, dass man seine Gefühle nicht mehr wahrnimmt oder sogar dazu, dass man tatsächlich kaum Gefühle hat. Aber tatsächlich kaum Gefühle haben kommt bestimmt eher selten vor. Das ist ja extrem wider der menschlichen Natur.

Und wenn man seine Gefühle nicht mehr wahrnimmt oder sie chaotisch hin- und herschwanken, ist die Frage, wie man funktionieren soll (Gefühle sind ja keine Spitzfindigkeit Gottes, sondern erfüllen biologische Funktionen). Man kann sich dann nicht mehr auf sein "Bauchgefühl" verlassen, was für viele Entscheidungen nötig ist. Und muss sich ggf. gegen sein Bauchgefühl entscheiden. Das war meine Ausgangsfrage.

Was du von deinen Reaktionsweisen geschrieben hast, fand ich sehr interessant. Wie kannst du eloquent, prägnant und sicher auftreten, wenn du eigentlich gerade durch einen Konflikt verunsichert wurdest? Wenn du innerlich Gefühlsachterbahn fährst?

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Re: Rolle der Angst

Beitragvon BlickwinkelFraktal » 3. März 2015, 09:16

sina hat geschrieben:Im Prinzip wäre es denkbar, dass jemand wahnsinnige Angst davon hat, Gefühle zu zeigen, aber sie zu haben ist kein Problem (zumindest dann, wenn man für sich ist).


Ja, so geht es mir zum Beispiel. Auch wenn diese Angst als solche nicht für mich sichtbar im Vordergrund steht. Aber sie zeigt sich durchaus in anderen Formen und ich kann sie in Reflektion guten Gewissens als solche benennen. Manche Gefühle rücken erst zu Hause in geschützter Athmosphäre nach, nehmen sich ihren Raum dann unter dem Einfluss von Musik oder in Auseinandersetzung mit irgendwas. Dann bin ich plötzlich für eine Zeit übermäßig gerührt, oder traurig, oder glücklich und genieße es, das zu erfahren. Exklusive Panik oder Depression.

sina hat geschrieben:Etwas ganz anderes ist es, wenn man tatsächlich vor seinen eigenen Gefühlen Angst hat. Gerade heute ist mir das bei einer Person passiert, die aktuell um jemanden trauert und Angst hat, dass Dinge in der Umwelt sie wieder an den Verlust erinnern und damit die Gefühle wieder aufleben lassen.


Habe etwas Vergleichbares zuletzt vorgestern Morgen erlebt. Liebe Menschen ziehen Weg von hier und das Kind der Familie (mir augenscheinlich ans Herz gewachsen) ist mit den Großeltern schonmal einen Tag früher abgereist. Mir war gar nicht klar, was oder das überhaupt mit mir machen könnte. Wir standen draußen am Auto und haben sie verabschiedet. Alles wäre ok gewesen, aber ich wurde in der Situation auch noch von einem Beteiligten kumpelhaft angesprochen und berührt. (Dummerweise wussten alle Beteiligten im Ansatz um meine letzten Krisen und treten unheimlich freundlich und wohlmeinend auf - hab mich gefühlt wie ein Plakat meiner selbst). Ich war innerlich kurz davor, zu explodieren und bin dann ohne Worte weg (konnte gar nichts tun gegen diesen Impuls) weil mir unter diesen Umständen Tränen in die Augen gestiegen sind :erschrocken: . Wäre ja objektiv auch völlig ok in diesem Moment zu weinen, aber ich glaub ich hatte einerseits Angst dabei "was größeres" emotional zu erinnern und anzuhaften, und steckte andererseits in der Klemme, meinen Schutz vor der Erinnerung durch die Nähe und Zuwendung Anderer zu verlieren.

sina hat geschrieben:Das kann dann im Extremfall dazu führen, dass man seine Gefühle nicht mehr wahrnimmt oder sogar dazu, dass man tatsächlich kaum Gefühle hat. Aber tatsächlich kaum Gefühle haben kommt bestimmt eher selten vor. Das ist ja extrem wider der menschlichen Natur.


Ich denke der Begriff "Gefühle Haben" ist sprachlich etwas irre führend. Manche denken wenn sie das lesen vielleicht, es würde bedeuten, dass man beim "haben" etwas empfindet, es total-identifizierbar kommuniziert und auch kognitiv zuzuordnen bzw. zu beschreiben weiß, am besten alles gleichzeitig. Andere meinen vielleicht, Eine augenblickliche Empfindung wertfrei wahrzunehmen, sei das "gehabte Gefühl" usw.......

So kann ich selbst z.B. völlig verwirrt wirken oder auch sehr kühl und distanziert, obwohl in mir (siehe oben) eine Trauer oder eine Angst wütet, die ich gar nicht als solche verstehe. Dennoch fühle ich, es kommt nur sehr komplex verbaut heraus, so dass weder ich noch jemand anders es als "gehabtes Gefühl" erkennen kann. Auf den Psychosomatische Wegen, auf denen man ja auch noch verarbeitet, kann es sich genauso deutlich-undeutlich abbilden, was man fühlt, oder gefühlt hat.

sina hat geschrieben:Und wenn man seine Gefühle nicht mehr wahrnimmt oder sie chaotisch hin- und herschwanken, ist die Frage, wie man funktionieren soll (...). Man kann sich dann nicht mehr auf sein "Bauchgefühl" verlassen, was für viele Entscheidungen nötig ist. Und muss sich ggf. gegen sein Bauchgefühl entscheiden. Das war meine Ausgangsfrage.


Hmm, ja und nein finde ich. :verwirrt: Wenn ich ins Schwanken gerate, in die Wolke aus mich überlagernden Zuständen, verbauten Gefühlen Und Bedürfnissen, dann hab ich auch keinen guten Zugriff zu meinem Bauchgefühl. Entscheidungen, sind in diesem Moment also leider nicht möglich. Nichts was ich tu, fühlt sich dann nach einer Entscheidung an. Was nicht heißt, dass sich eine Handlung wider meinen vordegründigen Bedürfnissen nicht ggf. positiv entwickeln kann.

Zum Beispiel wenn ich für eine Zeit zu sehr das Gefühl hatte, missverstanden zu werden/ mich aus Gründen gegenüber einem Menschen nicht richtig sichtbar machen konnte. Dann muss ich mich schon zwingen, den Kontakt wider meinen eigenen Ängsten aufzunehmen, was dann irgendwie im Moment des Anrufs oder Treffens etc. zu einer tatsächlichen Entscheidung, also ein Teil von mir wird. Aber irgendwas stachelt einen ja überhaupt zu Ideen an, so eine Art Bauchgefühlfunken vielleicht. Bei mir hat es sich schon gelohnt dem nachzugehen, teils hab ich mich auch heillos selbst überfordert.

Weiß nicht, wie das bei Dir läuft, ob auch so unterschiedlich oder phasenweise oder überhaupt und
ich weiß wirklich nicht, wieviel davon mit SP zu tun hat, aber z.B. so tritt es bei mir in Erscheinung.

[spoil]Das ich mein Bauchgefühl gar nicht mehr wahrnehmen kann merke ich daran, dass ich nur noch Muster abspulen kann und Entscheidungen treffe, die nicht annähernd meinen Bedürfnissen entsprechen. Einkaufen gehen geht gar nicht in so einem Zustand, das Bedürfniss zu Essen ist dann eh kaum lokalisierbar, also kann ich keinen Einkaufszettel schreiben, ohne den ich in dem Zustand völlig aufgeschmissen wäre. :lachen: ?..oder ich brauche für eine einfachste technische Entscheidung (Handwerker bin ich, wenns denn klargeht) so lange, dass ich Schweißausbrüche bekomme, und Wut und Trauer über diesen grotesken Zustand in mir hochkochen. Weil der Zugang weg ist, weil ich nicht weiß warum ich irgendwas entscheiden können wollte.

Mein Körper gibt mir dann aber auch Signale, dass es zu viel ist. Zu wenig ich.... und zu wenig Bauchgefühl. Ich fange an komische Augen zu kriegen, habe Spannungen und Druck darin, sehe auch schlechter. Ich bin völlig verkrampft oder wächsern, ich stehe dann phasenweise rum wie eine Säule. Mein Bauch und Unterleib fühlt sich dann manchmal an, als hätte gerade jemand mit Anlauf hineingetreten. Die Muskulatur an Hüfte und Rumpf gibt mir kein Feedback und ich werde haltlos, selbst wenn sie da ist und mich wider aller Wahrnehmung stehen lässt.

Musste ich mir jetzt vielleicht auch mal bei der Gelegenheit von der Seele schreiben. hüst :coool:

Würde Jemand in dem Moment fragen, wie ich mich fühle, könnte ich ihm nur einen Bruchteil zur Klärung anbieten, weil ich völlig überfordert wäre und eine differenzierte Erläuterung nicht klargeht, weil ich schon merke, wie mich die zusätzlich zündet.... was ich dann vermeiden muss. Es dauert manchmal Tage um zu verstehen, was da eigentlich mit mir los war. Manchmal kommen dann die Gefühle oder Bezüge hoch, die mich in der Situation eigentlich angestachelt haben.[/spoil]

sina hat geschrieben:Was du von deinen Reaktionsweisen geschrieben hast, fand ich sehr interessant. Wie kannst du eloquent, prägnant und sicher auftreten, wenn du eigentlich gerade durch einen Konflikt verunsichert wurdest? Wenn du innerlich Gefühlsachterbahn fährst?


Das ist nur noch in Situationen so, in denen ich existentielle Angst habe, ob zu recht oder nicht. Es ist die letzte Verteidigungsbastion, wenn eine Flucht unmöglich ist. Eigentlich bin ich dann nicht wirklich eloquent und sicher, aber so werde ich oft verstanden. De facto bin ich in diesen Momenten ein in die Ecke gedrängtes und verletztes Tier, dass aus Angst zu beißen bellt. Hinterher bin ich meist ausgelaugt und völlig fertig. Kann eine Woche oder einen Monat dauern oder Jahre bis ich der betreffenden Person wieder ohne verfremdende Zustände unter die Augen treten kann. Selbst wenn sie mir objektiv nichts Schlimmes "angetan" hat, oder ich ihr.
Zuletzt geändert von BlickwinkelFraktal am 4. März 2015, 08:34, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Rolle der Angst

Beitragvon sina » 3. März 2015, 23:10

Du hast so viel geschrieben, ich kann da im Detail nicht drauf eingehen, aber ich habe es heute sacken lassen und da sind mir noch neue Gedanken gekommen.

Was ich noch gar nicht so auf dem Plan hatte und wo du natürlich vollkommen Recht hast, ist dass man Gefühle nicht nur wahrnimmt (oder nicht), sondern sie sich auch erklärt und bewertet (also die eher kognitiven Anteile). Und das sind eindeutig Lernprozesse und somit vermutlich sehr störungsanfällig.

Als ich zum ersten Mal verliebt war, wusste ich z.B. überhaupt nicht, was mit mir los ist. Ich dachte, mir geht es schlecht oder ich werde krank oder so. Erst als eine Freundin endlos rumgequatscht hat von wegen sie sei ja so verliebt (es war derselbe Junge), ist mir klar geworden, dass ich das auch bin. Ähnlich ging es mir als ich zum ersten Mal sehr hohes Fieber hatte. Ich wurde dann gefragt: “Warum sagst du denn nicht, dass du krank bist?”. Aber mir war das gar nicht klar, ich habe nur gemerkt, dass irgendetwas anders ist und ich mich anstrengen musste bei ganz alltäglichen Handgriffen.

Ich kann mich daran gut erinnern, weil es total unangenehm war. Etwas zu fühlen und nicht zu wissen, was es ist. Vielleicht erwächst allein daraus schon Angst. Aus der Unfähigkeit, seine eigenen Empfindungen einzuordnen und zu bewerten und letztendlich danach handeln zu können, sie aufgrunddessen ggf. als wesensfremd anzusehen. Und daraus der Wunsch, diese Empfindungen loszuwerden.

In der Erziehung wird oft geraten, Kindern ihre Gefühle zurückzuspiegeln und Erklärungen anzubieten (“du bist vielleicht traurig/wütend/ängstlich, weil ...”) und sie aufzufordern, selbst über Gefühle zu sprechen (“mir geht es heute gut/schlecht, weil ...”). Wichtig für Kinder sind demnach Erwachsene, die selbst authentisch über Gefühle sprechen und die Gefühle des Kindes wahrnehmen und in Austausch darüber treten. Dann kann das Kind aufbauen, was man so platt als emotionale Intelligenz bezeichnet.

Besonders schwer fällt dieses Lernen bestimmt, wenn Kinder emotional überfordert werden. Wenn positive und negative Gefühle gemeinsam auftreten. Wenn die Gefühle sehr intensiv und überlagert sind. Wenn sie schlecht vorauszusehen sind etc. Also Situationen von Missbrauch, Vernachlässigung, Posttraumatisierung etc.

Und wenn man keine emotionale Intelligenz besitzt, dann muss man das quasi mit Rationalität ausgleichen (obwohl die menschliche Rationalität m.E. sehr zu wünschen übrig lässt und eh nie unabhängig von Gefühlen funktioniert, nur das man es dann nicht mehr so mitbekommt).

Ich selbst hasse meine Angst. Nicht nur weil sie unangenehm ist (manchmal spüre sich sie nicht einmal, sondern spüre nur Widerwillen, Übelkeit, Leere, Langeweile etc), sondern weil sie mich meiner Handlungsmöglichkeiten beraubt. Ich empfinde sie in der Situation zwar als vollkommen ich-synton und bin meist sehr sicher, dass ich mit der Angst Recht habe. Aber gerade weil meine Ängste so schwanken, WEISS ich natürlich, dass ich mich irren muss, ich weiß nur nicht wo. Ich muss dann rumprobieren, mich zu Sachen zwingen, sie austesten und tappe damit mehr oder weniger im Dunkeln.

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Re: Rolle der Angst

Beitragvon BlickwinkelFraktal » 4. März 2015, 20:39

Dito, nein um Gottes Willen. Das hätte ich auch nicht erwartet. Manche meiner Beiträge sind eben eine Mischung aus Kommunikation und Selbstfindung. Also sozusagen unter Anderem der Versuch einer möglichst identifizierbaren Selbstspiegelung mittels Kommunikation und der damit verbundenen Reibung an Themen und Meinungen.

Dein Beitrag find ich erstaunlich. Die Beispiele die Du für hinterher als solche erkundete Gefühle bringst sind z.B. super-anschaulich. Was Du über das Erlernen von Gefühlen bzw. die Orientierung in deren möglichen Bedeutungen für uns schreibst, ist sehr zutreffend beschrieben meine ich. Gerade in puncto Erziehung und emotionaler Überforderung durch Vieldeutigkeiten, Missbrauch, Traumatisierung.... siehe Beitrag.

Der letzte Satz klingt ein bisschen anstrengend, aber sehr sehr wahr.... als weitere motivierende Zugabe bleibt anzumerken, dass man durch das von Dir erwähnte Zuordnen-lernen von Gefühlen und ihren Gesichtern bei sich und Anderen durchaus ein wenig Licht in den Irrgarten unklarer Ängste bekommen kann. Ich denke man sollte sich dabei nicht heillos überfordern, aber Möglichkeiten dann Raum geben, wenn es sich danach anfühlt und die Kapazitäten es zulassen. Sonst verwehrt man sich möglicherweise selbst langfristig heilsame Erfahrungen. Ich sag das so leicht.......... Wenn ein Versuch nicht tatsächlich mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer schlimmen Retraumatisierung etc. endet, ist er es theoretisch -jetzt grad glaub ich mir das- auch im Scheitern wert. Sei es auch nur die Orientierung oder ein Hinweis, den man für sich aus den damit verbundenen Empfindungen zieht. :glück:

Auf mehr kann ich mich dazu grad nicht fokussieren..

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Re: Rolle der Angst

Beitragvon sina » 5. März 2015, 03:47

Wenn ein Versuch nicht tatsächlich mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer schlimmen Retraumatisierung etc. endet, ist er es theoretisch -jetzt grad glaub ich mir das- auch im Scheitern wert.


Diese Satz bringt so ziemlich auf den Punkt, wie es mir gerade geht. Da ich inzwischen recht robust geworden bin, kann ich mir solche Versuche auch erlauben. Schmerzhaft wird es schon noch manchmal, aber so ist das Leben, was einen nicht umhaut man einen stärker. Und ich will nicht mehr so eingekerkert sein durch meine Angst, lieber hin und wieder einstecken müssen und daraus lernen.

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Re: Rolle der Angst

Beitragvon orinoco » 5. März 2015, 19:18

5. Mär 2015, 03:47 » sina hat geschrieben:Diese Satz bringt so ziemlich auf den Punkt, wie es mir gerade geht. Da ich inzwischen recht robust geworden bin, kann ich mir solche Versuche auch erlauben. Schmerzhaft wird es schon noch manchmal, aber so ist das Leben, was einen nicht umhaut man einen stärker. Und ich will nicht mehr so eingekerkert sein durch meine Angst, lieber hin und wieder einstecken müssen und daraus lernen.


Ich bin prinzipiell ja auch dafür raus aus der Komfortzone und in die Wachstumszone und meine das auch immer wieder versucht zu haben, wenn da nicht immer wieder dieser herben Rückschläge wären, wo ich das mühsam aufgebaute Kartenhaus wieder zusammenbrechen sehe. Und seit ich weiß welche gesundheitlichen Risiken das alles für mich hat, kann ich nicht mehr so weitermachen wie vorher. Es ist sicher nicht alles schief gelaufen in meinem Leben (sonst wäre ich sicher schon nicht mehr am selbigen), aber es hat sich alles in die verkehrte Richtung entwickelt ...
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