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Re: Die Mär vom empathielosen Autisten

Verfasst: 2. Januar 2021, 15:52
von ToWCypress81
Traumafrau hat geschrieben:Dieses "selbst helikoptern", also sich aus der 2.Person Perspektive beaobachten (Beäugen? Belauern? Protokollieren? Evtl sogar Kommentieren?) Wird das als Ich-Fremd oder Ich-Zugehörig von euch @Sybilina @ToWCypess81 betrachtet?

Weder noch.

Wenn ich alleine bin, laufe ich nicht Gefahr das ich Emotionen falsch durchdenke und entsprechend falsch reagiere, da es dort natürlich niemanden interessiert bzw stört.

Dadurch, das ich aber eine emotionale Fehleinschätzung und somit durchdachte Fehl-Reaktion gegenüber Menschen verhindern will, die Person stattdessen verstehen will - durchdenke ich nicht nur deren Reaktionen - sondern beobachte dadurch automatisch auch deren und meine Reaktionen wie diese zueinander wirken bzw welche Auswirkungen dadurch meine Reaktion auf mein Gegenüber hat.

Dieses Beobachten das nicht emotional besetzt ist, daher auch kein "belauern" usw darstellt, findet entweder sachlich oder zusätzlich mit der Angst falsch rüberzukommen statt - welches sich automatisch "von aussen" vollzieht, inklusive mir und den Personen die in dem Moment mit mir zu tun haben.
Dieses "Beobachten von aussen" aus der Sicht eines "Gefühle erdenkenden Zuschauers" heraus geschieht.

Traumafrau hat geschrieben:Ist das wie ein Modus der jederzeit, selbstbestimmt ein- und ausgeschaltet oder eine Brille, die auf- und abgesetzt werden kann? Oder läuft das in Dauerschleife? Oder gibt es einen Auslöser/Trigger für diesen Modus?

Dieses "Beobachten" findet bei mir nur statt, wenn ich unter Menschen bin bzw mich nicht alleine fühle.
Es geschieht zeitgleich mit dem "mitschwingenden Durchdenken" jeglicher menschlicher Situationen.
Anstatt wie es mit dem normal-neurotypischen (NTs) "Emotionalen mitschwingen" wahrscheinlich sonst üblich wäre - welches bei NT's eher/zumeist "instinktiv", also somit eher/zumeist von "innen-heraus" ohne Selbstschau geschieht.

Da ich nicht weiß, wie ich ansonsten die meisten Situationen mit Menschen verstehen kann - ist das meistens mein einziger Weg und Art unter Menschen zu "funktionieren".

Da das "Beobachten von aussen" keinen emotionalen Kern hat, sondern nur auf einer sachlichen Abwägung basiert, wie es richtig oder falsch ist Situationen einzuschätzen - ist somit dieses "Beobachten" für mich auch nicht emotional "negativ" geprägt, wie es stattdessen bei der Vorstellung dieses "emotionalen Beobachtens von aussen" für NT's wahrscheinlich der Fall wäre/ist, und deswegen so schlimm erscheint.

Re: Die Mär vom empathielosen Autisten

Verfasst: 4. Januar 2021, 12:08
von bluelagoon
Ein von der Klinik mit Autismus diagnostiziertes Kind (5) hat mir mal, als ich gerade sauer bzw. eher enttäuscht war, dass es irgendwas nicht machte, und ich es deshalb etwas schimpfte/meinen Ärger zeigte; also dieses Kind hat mir da für mich völlig überraschend über den Kopf gestreichelt, mich dabei mitleidig und ganz lieb angeguckt, und wollte mich so trösten.

Re: Die Mär vom empathielosen Autisten

Verfasst: 5. Januar 2021, 02:50
von ToWCypress81
bluelagoon hat geschrieben:also dieses Kind hat mir da für mich völlig überraschend über den Kopf gestreichelt, mich dabei mitleidig und ganz lieb angeguckt, und wollte mich so trösten.

Jeder Mensch fühlt.

Ob das Mitfühlen nun durch eine autistische tief durchdachte, und damit in vielen Teilen vielleicht sogar intensivere Art und Weise, durch umfangreiches Beobachten & Empfinden von statten geht, oder das Mitfühlen auf einer instinktiv-emotionalen Art und Weise durch einen neurotypischen Menschen her passiert - bedeutet für beide Arten von Menschen nicht, das eine/r weniger oder der/die andere mehr fühlt.

Nur die unterschiedliche Herangehensweise beider Gefühls-Wesensarten spielt im Verständnis und Unverständnis eine Rolle.