SPS und Psychose: Geräusche (+Weihnachtsgeschichte)

Ein Leben in (völliger) Isolation? Du bist sehr introvertiert, ängstlich-vermeidend oder gar schizoid? Wie gehst du damit um?
bahnhof
aktiv
aktiv
Beiträge: 96
Registriert: 4. August 2015, 15:40
SPS: Ja

SPS und Psychose: Geräusche (+Weihnachtsgeschichte)

Beitragvon bahnhof » 23. Dezember 2020, 04:10

Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell das vermeintlich perfekt eingerichtete Leben mit SPS aus den Fugen gerät, wenn die äußeren Bedingungen sich plötzlich und unerwartet verändern. Dann gleite ich vorübergehend komplett in den Zustand des Psychotischen über und muss aufpassen, nichts 'Dummes' zu tun. Nach ein paar Tagen beruhige ich mich wieder und arrangiere mich mit den neuen Umständen.

Auslöser kann alles Mögliche sein, besonders 'beliebt' sind aber Geräusche aller Art. Wenn ich eines höre, das da nicht hingehört, gibt mir das einen Stich ins Herz und mein Puls fängt an zu rasen. Alles dreht sich nur noch um dieses Geräusch und was ich tun kann, um es wegzubekommen. Um die akute Phase zu überstehen, mache ich dann Gegengeräusche, die das störende Geräusch übertönen. Unterschwellig höre ich es aber doch. Das ist jedoch häufig nur die Psychose, denn wenn ich das Gegengeräusch abstelle, ist da manchmal nichts.

Wenn es ganz arg ist, nehme ich zusätzlich zu den Gegengeräuschen einen Kopfhörer. Dessen Noice-Cancelling einzuschalten vermeide ich jedoch, weil ich da ganz lange Ohren kriege, was sehr anstrengend ist.

Oft hilft auch, einfach erst mal aus dem Haus zugehen, um sich dem Geräusch zumindest vorübergehend zu entziehen. Die Rückkehr ist jedoch immer furchtbar. Manchmal hilft nur, in ein Hotel zu gehen, aber momentan geht das ja nicht. Letztlich hilft nur der Umzug, aber seit den Ereignissen in 2015 ist das leichter gesagt als getan.

Was hat das mit SPS zu tun? Wegen SPS konnte ich beruflich nicht viel reißen und kann mir jetzt kein frei stehendes Haus leisten.

========================================================

Nachtrag: Eine Weihnachtsgeschichte

Heute Morgen war es ganz schlimm. Ich konnte die Geräusche nicht mehr ertragen und war kurz davor, Dummheiten zu begehen. Gegengeräusche und Kopfhörer nutzen kaum noch. Mitten in der Nacht waren die Geräusche bereits wieder aufgetaucht, aber in der Wohnung aus der Sie zu kommen schienen, war kein Licht. Wurde ich wahnsinnig? Jetzt stampfte ich aus Wut bei jedem Geräusch wie ein kleines Kind auf, bis mir der Fuß weh tat. Letztlich half nur eine Beruhigungspille. So etwas nehme ich vielleicht alle drei Jahre mal und nur wenn es hart auf hart kommt. Aber noch nicht mal in ein Hotel könnte ich fliehen!

Als es heute Abend dunkel war, habe ich zur Beruhigung einen mehrstündigen Sparziergang unternommen. Keine Menschen weit und breit. Es war wirklich Stille Nacht, nicht wie sonst am 24. frenetisches Kirchengebimmel. Der einzige Mensch, der mir begegnete, war ein Jogger, der laut mit "frohe Weihnachten" grüßte und merkwürdiger Weise mit einem offensichtlich schwer beladenen Rucksack Richtung Wald trabte.

Bei der Rückkehr um kurz nach Acht blieb ich im Eingangsbereich meines Wohnblocks noch kurz am Briefkasten stehen, als von draußen der Typ auftauchte, den ich als Verursacher des Lärms vermutete. Jetzt muss ich ihn zur Rede stellen. Aber er hat eine Frau dabei, vielleicht doch lieber nicht. Er gibt mir Zeichen, ich soll die Tür aufmachen. Die Frau posaunt fröhlich "Frohe Weihnachten". Ich erkennen an Ihrem Revers ein Blindenabzeichen. Beide gehen die Treppe hinauf. Ihr Stock macht Geräusche. Jetzt wird mir klar: Wenn Blinde nachts auf Toilette gehen, machen Sie kein Licht an, aber Krach.

In dem Moment fällt die Spannung von mir ab. Zwar ist der Krach nervig, aber jetzt weiß ich wenigstens, was es ist und dass ich nicht verrückt bin. Offensichtlich wäre es doch besser, bei so etwas gleich der Sache persönlich auf den Grund zu gehen, auch wenn das Risiko hoch ist, dass die Interaktion kommunikativ wegen meiner SPS in die Hose geht. Anstatt sich wie ein wildes Tier in die Enge treiben zu lassen.
Zuletzt geändert von bahnhof am 25. Dezember 2020, 00:02, insgesamt 1-mal geändert.

Sybillina
interessiert
interessiert
Beiträge: 35
Registriert: 11. Juni 2020, 09:42
SPS: Eher Ja

Re: SPS und Psychose: Geräusche

Beitragvon Sybillina » 23. Dezember 2020, 05:41

Welche Art Geräusche sind es denn?

Benutzeravatar
2ost
erfahren
erfahren
Beiträge: 478
Registriert: 10. August 2019, 13:43
SPS: Ja

Re: SPS und Psychose: Geräusche

Beitragvon 2ost » 23. Dezember 2020, 11:40

Reicht bei mir zwar nicht für psychotische Zustände oder Hotelbesuche, treibt aber auch mich regelmäßigst die Wände hoch oder nötigt auch mich zu besagtem Gegenlärmen. Seien es im Schornstein brütende Tauben, Nachbarn, oder sogar schwer identifizierbare Geräusche, wie etwa eine gerade noch im hörbaren Bereich leise zu sirren beginnende Mehrfachsteckdose im Raum, das Ewigkeiten braucht, bis ich dem eine Ursache zugeordnet bekomme usw. :verwirrt:
„Im Kampf zwischen dir und der Welt sekundiere der Welt.“ — Franz Kafka

tiffi
engagiert
engagiert
Beiträge: 218
Registriert: 3. September 2020, 19:45
SPS: Vielleicht

Re: SPS und Psychose: Geräusche

Beitragvon tiffi » 23. Dezember 2020, 11:53

bahnhof hat geschrieben:Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell das vermeintlich perfekt eingerichtete Leben mit SPS aus den Fugen gerät, wenn die äußeren Bedingungen sich plötzlich und unerwartet verändern. Dann gleite ich vorübergehend komplett in den Zustand des Psychotischen über und muss aufpassen, nichts 'Dummes' zu tun. Nach ein paar Tagen beruhige ich mich wieder und arrangiere mich mit den neuen Umständen.
Kenne das so auch, zumindenst so in der letzten Zeit (Monate) habe ich das Gefühl,
dass es sehr irritierend ist, wenn sich Dinge subtil verändern oder nicht einordnen lassen, das kann ziemliche
Fahrt aufnehmen.
SPS ist bei mir ja nicht diagnostiziert, aber als ich so ne Phase hatte vor einiger Zeit, meinte mein Hausarzt schon,
das klingt dann nach sowas paranoidem wahnhaften. Das kann ein schlechter Kreislauf werden.

@bahnhof, war denn bei dir da schon immer eine Anfälligkeit dafür? Geschieht das unter besonderem
Stress oder ändert sich dann in deinem Leben / Umfeld was?
Wenn du sagst du willst ausziehen und hättest gerne ein alleinstehendes Haus, dann hat es wohl eher mit
dem konkreten Umfeld zu tun, wo du dich nicht genügend von abschotten kannst?
bahnhof hat geschrieben:Um die akute Phase zu überstehen, mache ich dann Gegengeräusche, die das störende Geräusch übertönen. Unterschwellig höre ich es aber doch. Das ist jedoch häufig nur die Psychose, denn wenn ich das Gegengeräusch abstelle, ist da manchmal nichts.
Das ist doch eine Idee dann, selber aktiv zu sein. Vielleicht beruhigt das irgendwie,
dass man dann nicht nur ausgeliefert ist.

Ich weiß jetzt auch nicht, wie man mit diesen Geräuschen umgehen kann. Vielleicht nur ganz kurz
analysieren und einordnen? Und dann versuchen auszublenden? So ähnlich scheinst du es ja schon zu versuchen.

Benutzeravatar
ursus
interessiert
interessiert
Beiträge: 18
Registriert: 19. November 2014, 00:34
SPS: Ja
Wohnort: Die Schweiz

Re: SPS und Psychose: Geräusche

Beitragvon ursus » 24. Dezember 2020, 15:15

SPS + Psychose lässt Zweifel an der Diagnose SPS aufkommen. Passt eher zu Schizotypischer Persönlichkeitsstörung.

Tut mir Leid, ansonsten kann ich zu psychotischen Symptomen nichts beitragen, ist mir fremd.

Benutzeravatar
kritisches_Auge
aktiv
aktiv
Beiträge: 95
Registriert: 27. Januar 2018, 17:48
SPS: Eher Ja

Re: SPS und Psychose: Geräusche (+Weihnachtsgeschichte)

Beitragvon kritisches_Auge » 25. Dezember 2020, 17:41

Ich kenne es dass es mich total nervös macht, ein Geräusch nicht orten zu können, aber bis jetzt ist es mir meistens gelungen, könnte ich es nicht würde ich sicher zwar beunruhigt, aber doch gelassener reagieren als du.

Ich bin extrem geräuschempfindlich, bist du das auch?

Benutzeravatar
moalix
interessiert
interessiert
Beiträge: 38
Registriert: 4. Juli 2018, 21:18

Re: SPS und Psychose: Geräusche (+Weihnachtsgeschichte)

Beitragvon moalix » 27. Dezember 2020, 16:26

extreme Geräuschempfindlichkeit war bei mir ein Vorbote für weitere psychotische Symptome. mir hat man dann in dieser Zeit auch die diagnose schizotype störung verpasst. Das mit den Gegengeräuschen kenne ich nicht, ich mags lieber wenns dann ganz still wird. Dazu habe ich mir Gehörschutz anfertigen lassen, so individualsilikonstöpsel. Die sind wirklich super!

Benutzeravatar
2ost
erfahren
erfahren
Beiträge: 478
Registriert: 10. August 2019, 13:43
SPS: Ja

Re: SPS und Psychose: Geräusche (+Weihnachtsgeschichte)

Beitragvon 2ost » 27. Dezember 2020, 16:49

At moalix, ganz still ist/wäre mir auch lieber, aber was ich bisher an Gehörschutz ausprobiert habe, hat leider alles nicht komplett weggefiltert, und wenn mich Geräusche stören, ist das meist nicht daher rührend, das zu zu laut, sondern dass sie überhaupt da sind.

D. h., dass – wenn die z. B. über mir Party feiernden Nachbarn dann nicht mehr dröhnend, sondern nur noch schwach von mir zu hören sind – mich das leider nicht wirklich entlastet.
moalix hat geschrieben:Dazu habe ich mir Gehörschutz anfertigen lassen, so individualsilikonstöpsel. Die sind wirklich super!
Meinst du Teile, die beim Hörgeräteakustiker individuell dem jeweiligen Gehörgang angepasst werden? Die habe ich tatsächlich noch nicht ausprobiertt. Hörst du damit komplett nichts mehr oder nur halt alles bloß etwas leiser?
„Im Kampf zwischen dir und der Welt sekundiere der Welt.“ — Franz Kafka

Kalliope
alteingesessen
alteingesessen
Beiträge: 1205
Registriert: 18. Dezember 2015, 21:33
SPS: Nein

Re: SPS und Psychose: Geräusche (+Weihnachtsgeschichte)

Beitragvon Kalliope » 27. Dezember 2020, 18:04

naja, ist ja bekannt, dass ich auch in den Club der Geräuschempfindlichen gehöre.

@Moalix: mich würde auch BRENNEND interessieren, was für individual-angefertigte Du da hast, bzw. wo Du sie hast anfertigen lassen.
"In Wirklichkeit ist der andere Mensch Dein empfindlichstes Selbst in einem anderen Körper" Khalil Gibran
"Das Ideal einer vollkommenen Gesundheit ist bloß wissenschaftlich interessant. Krankheit gehört zur Individualisierung." Novalis

Benutzeravatar
moalix
interessiert
interessiert
Beiträge: 38
Registriert: 4. Juli 2018, 21:18

Re: SPS und Psychose: Geräusche (+Weihnachtsgeschichte)

Beitragvon moalix » 27. Dezember 2020, 18:34

2ost hat geschrieben:Meinst du Teile, die beim Hörgeräteakustiker individuell dem jeweiligen Gehörgang angepasst werden? Die habe ich tatsächlich noch nicht ausprobiertt. Hörst du damit komplett nichts mehr oder nur halt alles bloß etwas leiser?



ja genau, Individualstöpsel vom Hörgeräteakustiker. Gibt es auch mit solchen Einsätzen für bestimmte Frequenzbereiche. Hab ich aber nicht, meine sind ganz aus Silikon. Damit sind sie am dichtesten. haben zusammen 110 € gekostet und waren jeden euro wert. komplette Stille ist damit aber auch nicht, da Geräusche ja auch über den Körper / Vibrationen aufgenommen werden... Die eigenen Körpergeräusche nimmt man damit auch nochmal ein bisschen anders wahr, wobei meine anfängliche Befürchtung, dass man immer das eigene Blut rauschen hört sich nicht bewahrheitet hat. Ich finde die Stöpsel eine angenehme Abschirmung, Schutz und Beruhigung.


Zurück zu „Schizoide Wesenswelten“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 6 Gäste