Kinofilm Joker - Schizotypische Störung?

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Re: Kinofilm Joker - Schizotypische Störung?

Beitragvon 2ost » 23. Oktober 2019, 16:13

Servus,
Indigocat hat geschrieben:Worauf ich eher hinauswollte und was ich auch schon so bei manchen Therapeuten bemerkt habe, die ich gefühlt eher Cluster B zuordnen würde, dass sie Vorurteile gegenüber der SPS haben und dass in Berichten von (geplanten) Amokläufen doch eher auftaucht: "Der Täter war sozial isoliert..." und nicht, der Täter war ein maligner Narzisst, Psychopath, Borderliner oder Soziopath... Damit würden sich nämlich viele Angehörige der Exekutive und Judikative ans eigene Bein pullern. […]
spannend, danke! Habe mich, offen gestanden, auch nicht so recht im öfter mal heraufbeschworenen sozial isolierten schizoiden Gewalttäter wiedergefunden, dachte aber bisher, da das häufiger ja erwähnt wird, dass das eine der vielen mir halt noch unbekannte Aspekte dieser PS einfach wäre.
Indigocat hat geschrieben: Zweifellos richtet Alkohol viel Schaden an, sowohl bei der eigenen Gesundheit als auch im Umfeld. Aber das sind dann eher so spontane Gewaltausbrüche, die eher mit dem aktellen Kontrollverlust als mit dem Charakter zu tun haben.
War, wie gesagt, nie ernstlich anders von mir gemeint. [;)]

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Re: Kinofilm Joker - Schizotypische Störung?

Beitragvon 2ost » 23. Oktober 2019, 16:35

Aber zurück zum Grundthema: Wieso ist das wichtig ob eine (und, falls ja, welche) Störung bei einer immerhin ja fiktiven Figur vorliegt? Ich bemerkte das bei Sherlock (hochfunktionaler Soziophath laut Selbstaussage), Sheldon Cooper (Aspi oder nicht?) und nun beim für schizotyp befundenen Joker!

Als Betroffener ist mir das natürlich wichtig, zu wissen, was mit mir nicht stimmt. Aber warum ist es wichtig, das Person X in Film Y etwa eine schizoide (etc.) Persönlichkeit darstellen soll?

2ost :verwirrt:
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Re: Kinofilm Joker - Schizotypische Störung?

Beitragvon Neonfisch » 23. Oktober 2019, 21:00

Warum ich es interessant finde, dass Person X in Film Y etwa eine … -oder was auch immer- darstellen könnte: Weil ein (KINO)Film ein mediales Ereignis ist, das viele Menschen - wie z.B. in diesem Forum - erreicht, und Meinungen anderer zum selben Ereignis eben sehr verschieden sind, wie man ja sieht. Diese unterschiedlichen Blickwinkel interessieren mich. Und die hier veröffentlichten diesbezüglichen Diskussionen fand ich für mich persönlich auch schon sehr interessant. mfg.

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Re: Kinofilm Joker - Schizotypische Störung?

Beitragvon hinterdemmond » 24. Oktober 2019, 01:13

das ist ja so, dass die meisten mörder und serienkiller in der regel nach außen ganz normale, gewöhnliche menschen sind. sie sind gut integriert, haben familie, gehen einer geordneten arbeit nach, engagieren sich im örtlichen schützenverein oder spielen trompete in der blaskapelle. und wenn dann bei so einem im keller plötzlich ein fass mit leichenteilen entdeckt wird, dann fallen alle aus allen wolken und sind ganz erstaunt: "nein, ausgerechnet jürgen?! von dem hätten wir sowas am wenigsten erwartet!"
auch bei den zufälligen gelegenheitsmördern ist das meist so. wenn mal wieder die leiche einer jungen frau irgendwo im gebüsch entdeckt wird, denken alle gleich: das ist bestimmt der quotengrufti, der einsam am dorfrand bei seiner oma haust oder der ostdeutsche tankstellenlehrling, oder die rumänischen erntehelfer, die schlagen ja sogar ihre hunde. am ende war das irgendein thorsten oder carsten, der besoffen vom schützenfest nach hause ging, die frau sah, die ihn vielleicht vorhin abblitzen ließ, dann ist das einfach halt passiert, weiß selber nicht warum, hätte man thorsten oder carsten am morgen davor gesagt, dass sie abends als mörder nach hause zurückkehren, hätten sie das selbst nicht geglaubt.
hannah arendt hatte völlig recht, als sie von der banalität des bösen sprach, daraus lässt sich meist kein spannender filmstoff stricken. deswegen müssen ja immer die ganzen armen verrückten, spinner und außenseiter herhalten. das prägt dann leider das bild von solchen tätern in der öffentlichkeit.
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Re: Kinofilm Joker - Schizotypische Störung?

Beitragvon Neonfisch » 24. Oktober 2019, 02:12

Die Morde, die der Joker begeht, sind auch nicht der springende Punkt für mich, sondern das einsame, freund- und freudlose, perspektivlose Dasein des Protagonisten, in dessen Handlungen immer wieder schwere Depressionen sichtbar werden. Er will "ankommen" und schafft es nicht, egal was er versucht, kann sich nicht gut artikulieren und stößt stets auf Ablehnung. Seine Wut und Enttäuschung auf Mitmenschen wird sicht- und "nachfühlbar". Ich gehe davon aus, dass der Hauptdarsteller sich vorbereitend ausführlich mit psychischen Diagnosen beschäftigte. Dass nachher Tote im Film vorkommen, ist vollkommen klar und eine ganz andere Sache: Kinofilme dieser Art, in denen es nicht richtig "knallt" ziehen nun mal nicht genug Publikum an. Ich finde die schauspielerische Leistung jedenfalls gelungen und authentisch wirkend (Depression, soziale Hemmungen, latente Schizophrenie, narzisstische Kränkung). mfg. :winken:

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Re: Kinofilm Joker - Schizotypische Störung?

Beitragvon hinterdemmond » 24. Oktober 2019, 09:38

Neonfisch hat geschrieben:Die Morde, die der Joker begeht, sind auch nicht der springende Punkt für mich, sondern das einsame, freund- und freudlose, perspektivlose Dasein des Protagonisten, in dessen Handlungen immer wieder schwere Depressionen sichtbar werden. Er will "ankommen" und schafft es nicht, egal was er versucht, kann sich nicht gut artikulieren und stößt stets auf Ablehnung. Seine Wut und Enttäuschung auf Mitmenschen wird sicht- und "nachfühlbar". Ich gehe davon aus, dass der Hauptdarsteller sich vorbereitend ausführlich mit psychischen Diagnosen beschäftigte. Dass nachher Tote im Film vorkommen, ist vollkommen klar und eine ganz andere Sache: Kinofilme dieser Art, in denen es nicht richtig "knallt" ziehen nun mal nicht genug Publikum an. Ich finde die schauspielerische Leistung jedenfalls gelungen und authentisch wirkend (Depression, soziale Hemmungen, latente Schizophrenie, narzisstische Kränkung). mfg. :winken:

der charakter des filmhelden, wie du ihn beschreibst, erinnert mich ein bisschen an mich selbst, wie ich als junger mann war. mit den unterschieden:
a) ich habe es geschafft beizeiten von zuhause auszuziehen.
b) ich habe es geschafft in meinem traumberuf erfolgreich zu werden und mit wachsendem erfolg änderte sich auch meine persönlichkeit und kehrte sich in einigen aspekten quasi ins gegenteil um.
c) zu keiner zeit wäre ich wirklich fähig einen mord zu begehen, ausser vielleicht aus notwehr. das ist der punkt.
und ja, als ich jung war und gezwungenermaßen mich unter menschen bewegen musste (heute kann ich es mir aussuchen, ob ich will oder nicht) hielten mich viele für einen potentiellen amokläufer oder serienkiller. zuletzt als ich in einem studentenwohnheim wohnte. da habe ich mich sogar engagiert (war zu dem zeitpunkt auf so einem trip) war flursprecher, stellvertretender wohnheimsprecher, habe die legendären wohnheimparties mitorganisiert. und trotzdem war ich natürlich zugleich immer noch sehr zurückhaltend, ging den leuten im alltag aus dem weg und wollte mit niemandem was zu tun haben. das hat regelrecht die fantasie meiner mitbewohner beflügelt. vermutlich war ich, ohne es zu wollen, der typ, über den am meisten geredet wurde. einmal, da lag ich in einer lauen sommernacht eine weile draußen im gras rum und starrte die sterne an. ich war überglücklich, weil sich die dinge gerade genau so entwickelten, wie ich es mir vorstellte. irgendwann mal wurde es mir zu kühl, ich stand auf, wollte wieder rein und habe auf dem weg nach drinnen eine schaufel im gras liegen gesehen, die jemand dort vergessen hat. als verantwortungsbewusster stellvertretender wohnheimsprecher, nahm ich sie mit und wollte sie in den keller zu den anderen gartenwerkzeugen tun. ich nahm die abkürzung über die terasse und dem aufenhaltsraum, wo wie immer, wie jeden abend die üblichen verdächtigen rumsaßen. nun sahen sie mich, wie ich aus der dunkelheit der nacht plötzlich in den raum trat, mit zerzausten haaren, mit hängengebliebeben blättern und gräsern darin und auf dem t-shirt und mit einer schaufel in der hand, und da ging ihre fantasie endgültig mit ihnen durch:
-sag mal, du hast doch nicht etwa eine leiche bei uns im garten vergraben?
-nö, eigentlich nicht, wie kommt ihr darauf?
-na ja, du bist immer so komisch, man könnte glatt denken, du wärst so ein potentieller serienmörder.
-echt jetzt?! krass leute, ihr habt vielleicht nen knall!
ich denke, gerade weil ich zu dem zeitpunkt schon so selbstbewusst war, unbeirrt mein ding durchzog, mich nebenbei sogar engagierte und verantwortung übernahm, hat das die leute noch mehr irritiert. sie konnten mich nicht einordnen und dachten, ich hätte da so ein dunkles geheimnis oder so, das befügelte ihre fantasie, und sie wurde nun mal aus so hollywoodschinken wie "das schweigen der lämmer" und so weiter gespeist, die nichts mit der realität zu tun haben, aber eben die wahrnehmung der leute beeinflüssen.
ein grund, warum ich mir nur noch geo-reportagen bei arte anschaue, irgendwas über kolibris oder yanomami-indianer, den ganzen unrealistischen scheißdreck will ich gar nicht in meinem kopf haben.
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Re: Kinofilm Joker - Schizotypische Störung?

Beitragvon 2ost » 24. Oktober 2019, 11:26

hinterdemmond hat geschrieben:[…] sie konnten mich nicht einordnen und dachten, ich hätte da so ein dunkles geheimnis oder so […]
Oh ja, wie ich das gelegentliche "Stille Wasser sind tief! *Zwinker-zwinker*"-Verhalten mir gegenüber früher gehasst habe! Hat zum Glück inzwischen aufgehört.

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Re: Kinofilm Joker - Schizotypische Störung?

Beitragvon hinterdemmond » 24. Oktober 2019, 12:26

2ost hat geschrieben:
hinterdemmond hat geschrieben:[…] sie konnten mich nicht einordnen und dachten, ich hätte da so ein dunkles geheimnis oder so […]
Oh ja, wie ich das gelegentliche "Stille Wasser sind tief! *Zwinker-zwinker*"-Verhalten mir gegenüber früher gehasst habe! Hat zum Glück inzwischen aufgehört.

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das deutsche sprichwort ist ja der pure euphemismus, fand ich immer. das russische pendant dazu würde übersetzt heißen: "in stillen gewässern leben die teufel."
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