Sollte Schizoidität als Krankheit betrachtet werden? Philosophische Reflexion

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Yume
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Sollte Schizoidität als Krankheit betrachtet werden? Philosophische Reflexion

Beitragvon Yume » 26. Dezember 2016, 21:20

Sollte man Schizoidität als Krankheit betrachten? Philosophische Reflexion

Die rein formale Beantwortung der Frage lautet natürlich: ja. Sowohl im DMS als auch im ICD (psychologischen Manuals über psychische Krankheiten) ist die schizoide Persönlichkeitsstörung eben als Persönlichkeitsstörung, als Krankheit definiert. Hierzu kurz die Definition von Persönlichkeitsstörungen nach ICD 10:

Eine Persönlichkeitsstörung ist gekennzeichnet durch rigide und wenig angepasste Verhaltensweisen, die eine hohe zeitliche Stabilität aufweisen, die situationsübergreifend auftreten, die zu persönlichem Leid oder gestörter sozialer Funktionsfähigkeit führen.

Ich will die offizielle Definition nicht angreifen, mir geht es darum, eine andere Sicht auf Schizoidität und psychische Normabweichungen zu entwickeln, die auch praktische Handlungsimperative ableiten lässt.

Mein Fokus hierbei liegt auf “zu persönlichem Leid oder gestörter sozialer Funktionsfähigkeit führen”. Dies ist auch allgemein Teil der Definition psychischer Krankheiten. Schizoide leiden ja tatsächlich oft unter ihrer Andersartigkeit. Aber mein Problem mit dieser Definition ist, dass nicht bedacht wird, ob Menschen unter dieser Eigenheit, unabhängig von der Gesellschaft, leiden müssen. Um dies an einem anderen Beispiel zu erläutern: Sexuelle Abweichungen werden (heutzutage) nur als Krankheit definiert, wenn Menschen unter ihrer Andersartigkeit leiden (oder andere leiden lassen). Ob jemand unter seiner (hier sexuellen) Andersartigkeit leidet, hängt aber auch von den Reaktion des Umfelds ab. Homosexualität ist in unserer klinischen Kategorisierung nicht mehr als Krankheit eingestuft, da Homosexuelle unter ihrer Ausrichtung nicht leiden (müssen). In unserer größtenteils toleranten Gesellschaft leiden Homosexuelle nicht an ihrer Neigung und können ein glückliches Leben führen (dass es durchaus Homophobie in Deutschland gibt möchte ich für meine Argumentation ausblenden). Aber in Hinsicht auf den Iran, wo homosexuelle Handlungen unter Todesstrafe stehen, könnte man die Definition sexueller Störung so interpretieren, dass Homosexualität dort eine potentiell lebensgefährliche “Krankheit” sei. Mir ist bewusst, dass diese meine Interpretation von der Intention der Definition psychischer Erkrankung im DSM/ ICD abweicht, und diese Argumentation soll Homosexuelle in keinster Weise abwerten, sondern nur die Problematik dieser Krankheitsdefinition aufzeigen. Ein Krankheitsbegriff, der diese als “Leiden unter Andersartigkeit” definiert, lässt außer Acht, ob das Leiden nur durch die Intoleranz oder Unflexibilität des Umfelds verursacht wird.

Ich würde daher einen theoretischen Krankheitsbegriff vorschlagen, der dazu anregt, anders über psychische Abweichungen nachzudenken. Man stelle sich vor, man nehme sich Menschen, die alle die gleiche psychische Abweichung von der statistischen Norm aufweisen, und lasse sie zusammen eine eigene kleine Stadt nur für ihresgleichen gründen. Die Frage, die darüber entscheidet, ob diese Abweichung eine Krankheit ist, lautet nun:
Wären diese Menschen so glücklich wie eine technologisch und wirtschaftlich vergleichbare Gesellschaft die nur aus statistisch-normalen besteht?
Wenn die Antwort auf diese Frage “Ja” lautet, dann ist diese psychische Abweichung keine Krankheit oder Störung. Wäre diese Gesellschaft aber unglücklicher als eine Gesellschaft statistisch-normaler, so wäre diese psychische Abweichung eine Störung.

Dabei wird davon ausgegangen, dass die Menschen mit diesen abweichenden Eigenheiten ihre Gesellschaft mit vorstellbaren und praktisch erreichbaren Mitteln so gestalten können, wie es für ihre Eigenheiten angemessen ist.

Zur Erläuterung wende ich meine Definition auf einige von der Mehrheit abweichende Eigenschaften an:

Gesellschaft von Homosexuellen
Ich gehe davon aus, dass diese Gesellschaft genauso glücklich wäre wie eine Gesellschaft von Heterosexuellen.

Gesellschaft von hochfunktionellen / Asperger-Autisten
Ich denke, dass auch diese so glücklich sind wie statistisch-normale in einer vergleichbaren Gesellschaft. Das entspricht auch meinen Erfahrungen mit einer Gruppe von Asperger-Autisten, die ich ein paar Mal besucht habe und in der sich alle untereinander gut verstehen. Die hochfunktionell-autistische Kommunikation auf allein verbaler, nicht non-verbaler Ebene, funktioniert ja durchaus gut, solange Verständnis und Aussenden non-verbaler Signale eben nicht verlangt werden. Die autistische starke Fixierung auf eingegrenzte Themen kann für die Arbeitswelt auch überaus fruchtbar sein. Danach wäre hochfunktioneller/ Asperger-Autismus keine Krankheit.

Gesellschaft von Menschen mit paranoider Schizophrenie
Auch unter sich würden paranoide Schizophrene vielleicht weniger stigmatisiert werden, aber doch auch den Mit-Schizophrenen mit vergleichbarer Paranoia begegnen wie Nicht-Schizophrenen. Diese Menschen würden unter sich meiner Meinung nach ähnlich leiden wie in unserer Gesellschaft. (Paranoide) Schizophrenie wäre danach eine Krankheit.

Bei Schizoiden ist die Situation meines Erachtens ambivalenter:
Grundsätzlich sehe ich keinen Leidensdruck dadurch, weniger Emotionen zu empfinden und weniger oder gar keine sozialen Kontakte zu wünschen. Viele Schizoide (inklusive mir) suchen ja auch keine Therapie, weil sie unter ihrer Persönlichkeit selbst leiden, sondern wegen Schwierigkeiten, die letztlich durch Unverständnis anderer bedingt sind. Sie wollen bestimmte Schwierigkeiten behandeln, die durch ihre Andersartigkeit verursacht werden, nicht ihre Andersartigkeit selbst “korrigieren”. Auch Mangel an Verständnis für soziale Normen und mangelnde Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, sind nicht problematisch, sofern das alle Gesellschaftsmitglieder betrifft und ähnlich wie bei Asperger-Autisten auf explizit-verbale Kommunikation gesetzt wird.
Bei Schizoiden, die nur von diesen Eigenheiten betroffen sind, würde ich daher nicht von einer Störung/Krankheit sprechen. Problematischer ist es, wenn Schizoide von Gefühlen der Leere und Sinnlosigkeit geplagt werden. Aber dies ist - zumindest in meinem Fall, meiner Vermutung nach auch bei vielen anderen - nicht Teil der schizoiden Persönlichkeit selbst, sondern eine zusätzliche depressive Erkrankung, die dadurch entsteht, dass bestimmte Bedürfnisse nicht erfüllt werden, etwa die nach dem doch noch gewünschten Maß an sozialen Kontakten, oder Unzufriedenheit mit dem eigenen Beruf. Aber auch dies ist für sich betrachtet nur ein nicht-notwendiges Problem, dass im richtigen Umfeld nicht bestehen würde. Einige Schizoide wünschen sich ja durchaus (in geringem Maße) soziale Kontakte, und wenn diese Schizoiden zueinanderfinden, muss dieses Problem der Vereinsamung nicht bestehen. Als eine Störung würde ich aber eine bestimmte Ausprägung der schizoiden Persönlichkeit betrachten, bei der hinsichtlich sozialer Kontakte ein Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt vorherrscht. Dieser liegt dann vor, wenn sich Schizoide nach sozialen Kontakten sehnen, diese aber schwer ertragen können, weil sie in diesen Kontakten ihre Autonomie bedroht sehen. Wenn dieser Konflikt für jeden Kontakt bestehen würde, nicht nur bei als bedrängend wahrgenommenen Nicht-Schizoiden, würden diese Schizoiden unter ihrem Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt auch in einer Gesellschaft von Schizoiden leiden. Nur diese eine mögliche Eigenschaft schizoider Persönlichkeit würde ich daher als krankhaft und behandlungsbedürftig einstufen.

Meine Krankheitsdefinition erscheint zwar erstmal als rein theoretisches Konstrukt, hat hinsichtlich der Behandlung aber auch praktische Konsequenzen und kann zu einer neuen Sicht auf psychische Abweichungen anregen. Wenn etwa Asperger-Autismus nur durch das Umfeld selbst zum Leiden wird, dann muss eben nur ein Umfeld aufgesucht werden, das den Autismus nicht zum Leiden macht. Es wird auch von manchen Autismus-Forschern vorgeschlagen, dass sich Autisten ein Umfeld suchen, in dem sie nicht unter ihrer Andersartigkeit leiden, etwa in der Wissenschaft. Auf die manchmal von Autisten geäußerte Analogie “Ich bin auf dem falschen Planeten ausgesetzt worden.” lässt sich demnach erwidern: “Dann suchen wir dir den richtigen Planeten”. Und wenn man sich vorstellt, dass eine Gesellschaft von Autisten durchaus gut funktionieren würde und glücklich wäre, wirkt dies dem Gedanken entgegen, gesünder, “besser” zu sein als Autisten. In diesem Fall betrachtet man Autismus schlicht als eine Andersartigkeit, die nur deshalb ein Problem ist, weil Autisten eine Minderheit darstellen.

Genauso sehe ich die Situation für Schizoide, wenn man von dem möglichen Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt absieht. Anstatt dass Therapeuten bei Schizoiden aus ihrem eigenen Normvorstellungen heraus versuchen, (wie ich es aus meiner Erfahrung kenne) deren Wunsch nach sozialen Kontakten zu erhöhen und sie zu normalisieren, fände ich es sinnvoller, wenn Therapeuten Schizoiden, wenn gewünscht, dabei helfen, ein soziales Umfeld zu finden, in dem die Schizoiden akzeptiert werden, ohne dass sie ihre Bedürfnisse zurückstellen müssen - also z.B. nicht zu Small Talk gezwungen sind. Einzig und allein den Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt würde ich behandeln lassen, sofern dieser so beschaffen ist, dass es letztlich keinen realistisch denkbaren Kontakt gibt, der nicht unter diesem Konflikt leiden würde.

Dabei verneine ich nicht, dass es sehr sinnvoll sein kann, Fähigkeiten zu erwerben, die für den Umgang mit statistisch-normalen hilfreich sind, etwa mehr non-verbaler Ausdruck. Aber eine Therapie sollte nicht zum Ziel haben, die Bedürfnisse und Eigenheiten eines Menschen gegen dessen Ansicht zu pathologisieren und zu “korrigieren”, obwohl dies Eigenheiten sind, die im passenden Umfeld keinen Leidensdruck verursachen würden.

PS: Ich kann mir gut vorstellen, dass es die von mir ausgeführte Krankheitsdefinition bereits gibt, habe aber nichts vergleichbares gefunden. Wenn jemand die gleiche Definition schon gehört hat, kann er die hier gerne posten.
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Re: Sollte Schizoidität als Krankheit betrachtet werden? Philosophische Reflexion

Beitragvon MirrorMirror » 29. Dezember 2016, 13:39

Yume hat geschrieben:Problematischer ist es, wenn Schizoide von Gefühlen der Leere und Sinnlosigkeit geplagt werden. Aber dies ist - zumindest in meinem Fall, meiner Vermutung nach auch bei vielen anderen - nicht Teil der schizoiden Persönlichkeit selbst, sondern eine zusätzliche depressive Erkrankung, die dadurch entsteht, dass bestimmte Bedürfnisse nicht erfüllt werden, etwa die nach dem doch noch gewünschten Maß an sozialen Kontakten, oder Unzufriedenheit mit dem eigenen Beruf. Aber auch dies ist für sich betrachtet nur ein nicht-notwendiges Problem, dass im richtigen Umfeld nicht bestehen würde.

Ich möchte hier einmal gedanklich nachhelfen.
Das Geschriebene greift zu kurz. Es ist nicht der Punkt mit der Unzufriedenheit, die ist ein Ergebnis. In meinem Fall ist das eben mütterlicher Terror ab dem Säuglingsalter, nur zu meinem Besten, versteht sich. Daraus gewachsen ist ein komplett verzerrtes Bild an Selbstwahrnehmung und Selbstschätzung. Was widerum, als Kind hat man keine Handlungsvollmacht, man wird behandelt, massive Ängste zuerst gegen meine Mutter angeschoben hat und später gegen einen Großteil an Erwachsenen. Kompensieren kann ich diese Ängste bis heute nicht, bewältigen auch nicht. Daraus haben sich dann Depressionen entwickelt und viel später die komplette Loslösung von meinen Artgenossen.
Auf Basis von Unverstandenheit, Misshandlungen und nicht geliebt werden ergibt das dann meine Person. Ist also in Summe ein ganz anderes Paket.
Dieses Problem bliebe auch in einem Dorf mit ausschliesslich Schizoiden bestehen, weil sich an der gewachsenen Empfindungswelt kein bisschen was ändern würde.
Du findest im Forum hier sehr viele Foristen mit ähnlichen Geschichten. Mit ein bisschen Bedürfnissen hier und Enttäuschungen dort kommt man der Sache nicht auf den Grund. :peace:

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Re: Sollte Schizoidität als Krankheit betrachtet werden? Philosophische Reflexion

Beitragvon Icheb » 29. Dezember 2016, 19:58

@MirrorMirror: Betrachtest du dich selbst, auf Basis der von dir beschriebenen Erfahrungsbiografie, als krank im Sinn der oben von Yume dargelegten Definition? (Krankheit als persönliches Leid oder als gestörte soziale Funktionsfähigkeit)
Ich frage, weil du deine Wahrnehmung ja selbst ganz deutlich als falsch deklarierst ("verzerrt"), also nicht nur als anders im Sinn einer Abweichung von einem Mittelwert.

Ich denke, dass der Begriff Krankheit immer eine mögliche medizinische Behandlung impliziert. Eine Persönlichkeit oder ein Teil einer Persönlichkeit als krank zu bezeichnen, dient der Legitimierung einer Behandlung. Mehr bedeutet Krankheit doch gar nicht. Wenn kein Bedarf nach Behandlung vorhanden ist, gibt es auch kein Grund etwas als Krankheit zu bezeichnen.
Außerdem denke ich, dass sowohl persönliches Leid als auch eine eingeschränkte soziale Funktionsfähigkeit nicht notwendigerweise krankheitswert haben. Man kann beides auch als normale Aspekte subjektiver menschlicher Erfahrungswelt deuten. Wieso sollte man krank sein, wenn man unter etwas leidet? Leiden kann doch auch eine legitime Reaktion auf die eigene Lebensrealität sein.

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Re: Sollte Schizoidität als Krankheit betrachtet werden? Philosophische Reflexion

Beitragvon Yume » 30. Dezember 2016, 02:35

Danke euch beiden für die Kommentare, gibt mir wieder etwas zum drüber nachdenken.

@ Mirror.. - Bei der Beschreibung deiner Ängste hast du natürlich recht, die würden dann wohl auch in einer Gemeinschaft von Schizoiden auftreten. Ich selbst leide nicht (mehr) unter Ängsten (zumindest nicht mehr als andere), und habe auch von anderen Schizoiden gehört, dass es keine Angst ist, sondern schlicht ein Desinteresse, was sie von anderen fernhält. Ich habe ein gewisses, wenn auch stark reduziertes, Interesse an Menschen, aber ich bin noch auf keinen getroffen, mit dem ich den Kontakt auf eine für beide Seiten zufriedenstellende Art gestalten konnte. Mein sozialer Rückzug liegt nicht an Ängsten, sondern der wahrgenommenen Unfähigkeit, mit anderen Kontakte zu pflegen, die meinen Bedürfnissen entsprechen. Deiner Beschreibung nach scheint die Angst ja eher die schizoide Persönlichkeit geformt zu haben, anstatt sich nachfolgend durch diese Persönlichkeit entwickelt zu haben. (Wenn ich dich nicht falsch verstehe) Gut, dies mal zu hören, mir war dies von Schizoiden nicht bekannt. In diesem Fall wäre diese Angst aber wiederum eine andere Ausprägung der schizoiden Persönlichkeit, die ich als nach meiner Definition als "krank" (das adjektiv soll hier nicht abwertend sein) in dem Sinne von behandlungsbedürftig einschätzen würe. Es wäre also in meiner Definition eher ein Beispiel für eine weitere Art schizoider Persönlichkeit, die ich als behandlungsdefürtig/"krank" ansehen würde. Aber zumindest in meinem Fall ist Angst kein Teil meiner schizoiden Persönlichkeit und ich habe das zumindest auch von anderen gehört. Wie viel Prozent der Schizoiden Angst als ursächlich und als Teil ihrer Schizoidität ansehen, weiß ich nicht (ich werde mal schauen ob ich da Statistiken zu finde, ansonsten vielleicht selbst ne Umfrage durchführen). Bisher kannte ich Angststörungen bei Schizoiden nur als etwas sekundäres, dass durch die Ablehnung der eigenen Person durch andere aufgrund der eigenen Schizoidität entsteht, nicht als Teil der schizoiden Persönlichkeitsstörung. Diese würde sich aber in einem Umfeld, dass diese Eigenschaften nicht ablehnt, stückweise abbauen. Ich hatte zeitweise soziale Ängste, in dem Sinne, dass ich eine emotionale Furchreaktion gespürt habe. Inzwischen sind diese verschwunden, geblieben ist nur durch Erfahrung bedingte negative Erwartungshaltung hinsichtlich sozialer Kontakte. Diese Erwartungshaltung ist aber bei Menschen, die mit meinen Eigenheiten besser umgehen können, etwa weil sie mir ähnlicher sind, weitaus positiver. In einer Gesellschaft, die kein Problem mit meinen Eigenschaften hat, hätte ich auch allgemein eine positive Erwartungshaltung. Ich sehe diese negative Erwartungshaltung, die früher auch eine emotional-ängstliche Komponente hatte, aber als verursacht durch meine schizoide Persönlichkeit an, nicht als Teil dieser. Meine Ängste habe ich als behandlungsbedürftig, als "krank" eingestuft, aber ich sehe sie als vorübergehende Entwicklung, nicht als Teil meiner schizoiden Persönlichkeit selbst. Die Frage ist daher, ob die Angst bei dir etwas von der schizoiden Struktur seperates ist, oder ein Teil davon. Ich denke, die Angst ist kein notwendiger Teil der schizoiden Persönlichkeit. Aber anscheinend gibt es ja Leute, für die es ein Teil ihrer Persönlichkeit und der schizoiden Struktur selbst ist.

@Icheb
Der Punkt der Behandlungsbedürftigkeit ist auch ein zentraler Gedanke hinter meiner Definition. Ich denke, sofern möglich und vom Betroffenen gewünscht sollte starkes Leid verhindert werden. Nur denke ich, dass im Beispiel von Asperger-Autisten das Leid nicht durch deren Persönlichkeitsstruktur selbst, sondern durch ein inkompatibles Umfeld verursacht wird. Die Bezeichnung von Asperger-Autisten als Krankheit impliziert, dass deren Persönlichkeitsstruktur selbst dysfunktional ist und verändert werden muss. Sieht man es nicht als Krankheit an, so kann man das Leid durch eine Änderung der Situation reduzieren, ohne die Persönlichkeitsstruktur selbst zu verändern. Leid gehört sicher zum Leben dazu, und auch wenn ich trotzdem der Ansicht bin, dass es nach Möglichkeit vermieden werden muss (Bin Utilitarist). Deshalb ist meine Krankheitsdefinition auch relativ zu einer Gesellschaft von Statistisch-Normalen, denn absolut glücklich sind auch diese nicht. Nur, wenn die emotionale Verfassung eines Menschen durch dessen Persönlichkeitsstruktur weit schlechter ist als die eines "Durchschnittsmenschen" (etwa im Falle sozialer Phobie), so würde ich empfehlen, diese Struktur zu ändern, sofern er dem zustimmt und es möglich ist. Sollte eine dysfunktionale Struktur aktuell nicht änderbar sein, so impliziert "krank", dass an dieser Veränderbarkeit geforscht werden sollte. Da ich Asperger-Autismus selbst nicht als Krankheit ansehe, würde ich daher keine notwendig in der Erforschung zur "Normalisierung" dieser Asp.. sehen, sondern stattdessen der Schaffung und Vermittlung eines adäquaten Umfelds.

Die individuelle Reaktion ist kein wesentlicher Punkt meiner Krankheitsdefinition. Ich gehe darauf nicht explizit ein (was ich vielleicht sollte). Es geht nicht um das Leiden unter einer Lebenssituation, sondern unter einer abweichenden Persönlichkeitsstruktur. Wenn das eigene Kind stirbt ist es völlig normal, zu leiden. Die Frage wäre, ob ein Statistisch-Normaler in der gleichen Situation ebenso leiden würde. Wenn nicht, dann würde ich dies als krank einstufen. Meiner utilitaritschen Meinung nach sollte in diesem Fall sowohl das Leid des "Empfindlicheren" als auch des Statistisch-Normalen reduziert werden. Nach meiner Definition nicht krank zu sein, bedeutet nicht, dass jemand nicht behandelt werden sollte. Leid ist für mich immer illegitim, in dem Sinne, dass es immer vermindert werden muss, selbst wenn es eine nachvollziehbare Reaktion auf einen Lebensumstand ist. (wenn Leid des einzelnen vermehrt wird, um das Leid anderer zu verhindern, ist dies eine andere Situation. Stichwort: Inhaftierung von Serienmördern) Aber der Fokus wär ein anderer : Im Fall des Statistisch-Normalen sollten z.B. bestimmte Techniken eingeübt werden, um mit dem Leid umzugehen und es zu reduzieren, aber die Veränderung von Teilen seiner Persönlichkeitsstruktur halte ich dabei nicht für sinnvoll. Im Falle des "Empfindlicheren" würde ich vorschlagen, dass er auch an seiner generellen Persönlichkeitsstruktur arbeitet und nicht nur an der Bewältigung des konkreten Lebensproblems - denn die Fähigkeit mit Schicksalsschlägen umzugehen ist wichtig, und wird leider immer wieder gefordert werden. Ist dies durch die Persönlichkeit selbst gestört, sollte an diesem dysfunktionalen Teil der Persönlichkeit gearbeitet werden. Aber nach meiner Definition muss der einzelne immer als Teil einer von der Norm abweichenden Gruppe relativ zur Gruppe der statistischen Norm betrachtet werden. Nehmen wir uns eine Gruppe dieser "Empfindlicheren", sagen wir, diese leiden unter allen psychischen Verletzungen weit mehr als Statistisch-Normale, etwa auch an Beleidigungen. Wäre dann eine Gesellschaft von "Empfindlicheren" ähnlich glücklich wie eine Gesellschaft von Statistisch-Normalen? Was die Empfindlichkeit hinsichtlich Beleidigungen angeht, so wären sie vielleicht viel behutsamer als "Normale" untereinander, und würden dadurch kaum von anderen dieser Gesellschaft beleidigt und diese Gesellschaft in der Hinsicht vielleicht glücklicher als die der "Normalen". Aber Schicksalsschläge wie der Tod eines Kindes wären auch in dieser Gesellschaft unvermeidbar, und deshalb würden sie vermutlich insgesamt mehr leiden als die Normgesellschaft.
Aber dein genereller Einwand bleibt bestehen: Muss Leid immer gelindert werden? Aus meiner utilitaristischen Sicht ja. Aber gegenüber jemanden, der sein Leid bewusst will, wäre das eine, von mir durchaus bewusste und gewollte, Bevormundung. Wenn etwa ein gläubiger Hindu meint, dass seine Depression die gerechte Bestrafung für Vergehen in früheren Leben ist, und er von ihr für spätere Leben sogar eine Besserung seines Karmas erwartet, würde ich ihm trotzdem eine Behandlung der Depressionen nahelegen. Wobei ich damit nicht so weit gehen würde, ihn dazu zu zwingen.

Meine Definiton hat verschiedenste Implikationen, denen nicht jeder zustimmen würde, und ist auch zurecht angreifbar ist. Ich freue mich auch über (höfliche!) Kritik an meiner Definition.

Meine Definition hat auch weitere Punkte, die aber meines Erachtens für die Frage nach der Krankhaftigkeit der schizoiden Persönlichkeit nicht relevant sind. Die möchte ich später nochmal einbringen, und diesmal auch die Konsequenzen meiner Definition mehr erläutern. Ein bisheriges Problem meiner Definition tritt zum Beispiel bei Leuten auf, die anderen bewusst schaden wollen. Nehmen wir ein Dorf von Menschen mit chauvinistischer, gewaltbereiter Persönlichkeitsstruktur (z.B. Nazis), wären sie so glücklich wie Statistisch-Normale unter sich? Möglicherweise. Aber ihre jüdischen Nachbarn wären mit IHNEN nicht glücklich. Wären die Nazis nach meiner Definition krank? Wenn sie glücklich sind, dann nicht. Natürlich ist dies problemematisch - erst recht wenn man Krankheit als notwendige Bedingungung der Behandlungsbedürftigkeit einstuft. Denn auch wenn SIE glücklich sind, WIR sind es mit ihnen nicht. Sollten wir sie behandeln - dass heißt für andere weniger gefährlich machen - Ja. Würde ich sie als krank bezeichnen? Darauf gehe ich noch ein, ich bin noch nicht sicher, was ich als Definition für sinnvoll erachte, weshalb ich weitere Punkte meiner Definition, hinsichtlich dessen Implikationen ich noch ambivalent bin, noch nicht angesprochen habe. Aber noch werde....
Ich hoffe das interessiert überhaupt jemanden, aber mir hilfts grade meine Gedanken zu präzisieren. Und irgendwer den es interessiert findet sich vielleicht ;)
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Re: Sollte Schizoidität als Krankheit betrachtet werden? Philosophische Reflexion

Beitragvon Ritornell » 31. Dezember 2016, 02:06

Hi!

Um's gleich zu sagen, ich hab jetzt nicht alles gelesen, sondern mehr überflogen, vielleicht hab ich die Stunde später mal über. ;) Auch kann ich mit den hypothetischen Konstrukten irgendwelcher Mustergesellschaften eher wenig anfangen, bin nicht sicher, welchen Erkenntniswert das konkret bringt und halte einige deiner vorläufigen Schlüsse für - zumindest - fragwürdig. An der folgenden Stelle allerdings musste ich wirklich stutzen:

Homosexualität ist in unserer klinischen Kategorisierung nicht mehr als Krankheit eingestuft, da Homosexuelle unter ihrer Ausrichtung nicht leiden (müssen).

Das scheint mir eine gewagte These. :) Jedenfalls sofern dabei ein ursächlicher Zusammenhang impliziert war. Im Prinzip entspräche das so der heutigen Sichtweise, aber natürlich war ein unterstellter, oder auch nur angenommener Leidensdruck seitens Betroffener nie der originale Grund dafür, dass man Homosexualität lange Krankheitswert zuschrieb, und es vielerorten bis heute tut. Dieses Krankheitsverständnis ist ja noch gar nicht so alt! Und keineswegs allgegenwärtig, es ist bis dato v.a. ein westliches. Sondern da spielten und spielen in erster Linie moralische, religiöse, sittliche und teils wohl auch (pseudo-)biologistische und sogar ästhetische Instinkte, respektive Aversionen (oder Ängste) eine Rolle; das selbstverständlich aus Sicht der Beurteilenden, weniger wohl der Betroffenen...

Dass man Homosexualität wenigstens in unseren Breiten und innerhalb entspr. aufgeklärter Kreise heute nicht mehr so betrachtet, das ist indes einer ganzen Kette, ja Evolution von (nicht zuletzt außermed.) Faktoren zu verdanken und bis dahin, zur Erinnerung, war es ja auch ein weiter Weg. Aber dass es sich auch schwul durchaus glücklich leben lässt, ich wollte behaupten das könnte sogar länger bekannt gewesen sein, oder zumindest hat man die Möglichkeit wohl in Betracht ziehen können. ;)

Abgesehen davon meine Empfehlung, sich wo es um Erkrankungen und ihr Verständnis geht vielleicht nicht allzu sehr auf den isolierten Aspekt Leid einzuschießen. Das gilt für körperliche Krankheiten wie für psychische und solche (wie ja zumeist der Fall), die sich irgendwie auf beides auswirken, und zwar egal in welcher "Richtung" die Grunderkrankung besteht: Du bist eigentlich nie "nur" körperlich krank; und eigentlich nie nur psychisch, sondern bist du einmal richtig krank, geht mehr oder minder alles den Bach runter. Und früher oder später, das is einfach so. Aber während sich nun gerade die (denkbar subjektive) Frage nach dem Leidensdruck i.A. relativ leicht und meist auch eindeutig beantworten lässt - mal vorausgesetzt, der Betroffene kann sich verständlich machen - geht es bei Erkrankungen natürlich immer auch um eine Funktion, bzw. eine als Störung interpretierte Beeinträchtigung dieser. Und eben an dem Punkt kommen wir dann in die eigentlich schwierigen, weil doch auch trüberen Gewässer, einfach weil sowas notwendigerweise und ja immer schon in einem natürlichen Spannungsfeld von Normen, Erwartungen und gesamt-gesell. Maßstäben logiert. Funktionalität/Dysfunktionalität sind per se normbehaftet. Das heißt, an dem Punkt reicht es dann auch nicht mehr, mal eben nachzufragen, "geht's dir gut?". Sondern man muss sich auch ansehen, wie einer klarkommt, fährt, welche Freiheitsgrade er in seiner Entfaltung hat, kurzum, wie gut jemand "funktioniert". Wohlgemerkt, innerhalb einer natürlichen, d.h. heterogenen Gesellschaft. (Aber nicht nur im Sozialen. Wir sind schon mehr als soziale Wesen, wenn auch vor allem das.)

So blieb hier für mich der Eindruck eines etwas zu einfachen, oder saloppen Verständnisses des Krankheitsbegriffs. Wenn du dir nur mal vorstellst, es gäbe bestimmte Krankheiten, bei deren Bewertung besagte (dys)funktionale Faktoren dem eigentlichen Leidensdruck, so denn gegegeben, überwiegen und SPS wäre just eine dieser (was ich pers. nbb. für eine völlig offene Frage hielt), dann würdest du sehen, keinen Schritt weiter zu sein. Das würdest du u.U. aber auch dann, wenn du "Krankheit" einfach an jeder Stelle durch "Problem" ersetzt: wir wären keinen Deut klüger!? Geschweige denn glücklicher, also ich jdf. nicht. Allerdings meine ich zumindest verstanden zu haben, dass es dir hier nicht von ungefähr explizit um die Krankheitsfrage geht. Für mich persönlich ist das weniger relevant. Schade eigentlich.

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Re: Sollte Schizoidität als Krankheit betrachtet werden? Philosophische Reflexion

Beitragvon MirrorMirror » 2. Januar 2017, 16:05

Yume hat geschrieben:Ich selbst leide nicht (mehr) unter Ängsten (zumindest nicht mehr als andere),[...]

Hier kommt es auf die Art von Angst an.
Jemand mit Prüfungsangst kann sich recht leicht wieder einrenken lassen. Problem benennen, aufarbeiten und fertig.
Existenzielle, sprich Todesangst, dagegen ist ein anderes Kaliber. Ich reagiere auf verbale und körperliche Gewalt (letztes Erlebnis eine nicht sichtbare Kneipenschlägerei) mit panischer Angst. Hirn geht auf Alarm, Beruhigung ist nicht mehr möglich. Die Ursache von diesen Reaktionen liegt in meiner frühkindlichen Phase ohne bewusster Erinnerung. Kein Psychologe kommt da hin und kann das beheben.

Yume hat geschrieben:Mein sozialer Rückzug liegt nicht an Ängsten, sondern der wahrgenommenen Unfähigkeit, mit anderen Kontakte zu pflegen, die meinen Bedürfnissen entsprechen.

Was anderes soll das bei mir sein? Meine Mutter hat mich schreien lassen, weggeschickt und verbannt. Ich war doch auch nicht in der Lage Kontakt zu pflegen und meine Mutter, oder gar Vater, von meinen Bedürfnissen zu überzeugen.
Die empfundene Unfähigkeit ist eine Angst nicht zu genügen. Im Resultat heisst das Frustration oder Resignation.

Yume hat geschrieben: Es wäre also in meiner Definition eher ein Beispiel für eine weitere Art schizoider Persönlichkeit, die ich als behandlungsdefürtig/"krank" ansehen würde.

Siehe oben. Stressempfinden so tief vergraben ist nicht zu behandeln. Auf der Festplatte sind die Daten nicht drauf.
Yume hat geschrieben:Bisher kannte ich Angststörungen bei Schizoiden nur als etwas sekundäres, dass durch die Ablehnung der eigenen Person durch andere aufgrund der eigenen Schizoidität entsteht, nicht als Teil der schizoiden Persönlichkeitsstörung. Diese würde sich aber in einem Umfeld, dass diese Eigenschaften nicht ablehnt, stückweise abbauen.

Das, ich muss mich entschuldigen, ist das übliche theoretische Geschwurbel von alles ist ganz einfach. Alleine schon die Ursache von dieser psychischen Veränderung ist nicht von positiven Umständen geprägt. Demzufolge wird nichts in angenehmer Umgebung zwingend besser. Weil manche eine solche Umgebung schlicht nicht ertragen. Wie sie eben keine Umgebung überhaupt ertragen.
Jeder kann Angststörungen entwickeln. Dazu muss man nicht im Krieg gewesen sein.


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