Álvaro de Campos

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Laika
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Álvaro de Campos

Beitragvon Laika » 28. Juli 2018, 12:37

In dem Thread "Was macht ihr beruflich? "(viewtopic.php?f=33&t=202) hatte ich Fernando Pessoa und seine Heteronyme erwähnt. Hier mal zwei Kostproben von Álvaro de Campos.

Er kam mir wieder in den Sinn bei @Weltenbaums Thread, das erste Zitat gehört in gewisser Weise zum Thema der Multi-Perspektive dazu, bringt aber zusätzliche noch den Aspekt der Aneignung / Verschmelzung mit ein und bringt bei mir viele Saiten zum Klingen.

Das zweite Zitat, aus einer anderen Epoche, auf andere Art auch.

Alle Zitate sind aus dieser älteren zweisprachige Ausgabe mit Übersetzung von Georg Rudolf Lind, die ich sehr schön finde: https://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss? ... 3596106931

Álvaro de Campos hat geschrieben:(aus "Stundenzug")

Ich habe mehr Länder bereits als jene, die ich berührte...
Ich habe mehr Landschaften erblickt als jene, auf die mein Auge fiel...
Ich habe mehr empfunden als alle Empfindungen, die ich fühlte,
weil mir, so viel ich auch fühlte, immer zu fühlen übrigblieb,
und immer schmerzte das Leben, war immer zu wenig und ich nicht glücklich.

Zu bestimmten Augenblicken des Tages fällt mir dies alles ein, und Entsetzen ergreift mich;
was bleibt mir von diesem zerstückelten Leben, von diesem Höhepunkt,
von dieser kurvigen Straße, von diesem Auto am Straßenrand, von dieser Mahnung,
von diesem ruhigen Wirrwarr unvereinbarer Empfindungen,
von dieser Übertragung, von dieser Unbeständigkeit, diesem schillernden Schnittpunkt,
von dieser Unruhe auf dem Grund aller Kelche,
von dieser Angst auf dem Boden aller Genüsse,
von dieser am Henkel aller Tassen vorausgeahnten Übersättigung,
von diesem ermüdenden Kartenspiel zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und den Kanarischen Inseln?

Ich weiß nicht, ob das Leben zu wenig oder zu viel für mich ist.
Ich weiß nicht, fühl ich zu wenig, oder zu viel, ich weiß nicht,
ob mir geistige Bedenklichkeit fehlt, Stützpunkt in der Intelligenz,
Blutsverwandtschaft mit dem Geheimnis der Dinge, Schock
bei Berührungen, Blut unter Schlägen, Erschütterung bei Geräuschen,
oder ob es dafür eine andere, bessere Deutung gibt.

(...)

Alles auf jede Weise erfühlen,
alles von allen Seiten erleben,
das gleiche Ding auf alle erdenklichen Arten zur gleichen Zeit sein,
die gesamte Menschheit aller Epochen
in einem erweiterte, überschwenglichen, fernen Augenblick in sich zu verwirklichen.

Ich will immer das sein, was mir gefällt,
ich werde immer, früh oder spät, zu dem,
was mir gefällt, sei es ein Stein oder eine Begierde,
eine Blume oder eine abstrakte Idee,
eine Menschenmenge oder ein Gottesbegriff.

(...)

Ich vervielfachte nmich, um mich zu fühlen,
ich mußte alles fühlen, um mich zu fühlen,
ich trat aus den Ufern und strömte über,
entkleidete mich und gab mich hin,
und in jedem Winkel meiner Seele raucht ein Altar für einen anderen Gott.


Álvaro de Campos hat geschrieben:(aus "Tabakladen")

Ich habe gelebt, gelernt, geliebt und sogar geglaubt,
und heute beneide ich jeden Bettler, nur weil er nicht ich ist.
Ich sehe die Lumpen und Wunden und Lügen jedes einzelnen
und denke bei mir: vielleicht hast du nie gelebt und gelernt und geliebt und geglaubt,
(denn man kann das alles in Wirklichkeit tun und es doch nicht tun)
vielleicht hast du nur existiert wie eine Eidechse, der man den Schwanz abreißt,
und er bleibt Schwanz und krümmt sich, getrennt von der Eidechse.

Ich machte aus mir, was ich nicht verstand,
und was ich machen konnte aus mir, das ließ ich bleiben.
Der Domino, den ich anzog verfing nicht.
Man erkannte mich gleich als den, der ich nicht war; ich wehrte mich nicht und verlor mich.
Als ich die Maske abnehmen wollte,
blieb sie am Gesicht kleben.
Als ich sie abnahm und mich im Spiegel betrachtete,
war ich gealtert.
War ich betrunken, verstand es nicht mehr, den Domino anzuziehn, den ich nicht abgelegt hatte.
Ich warf die Maske fort und schlief im Ankleideraum,
ein Hund, den die Verwaltung duldet, weil er nicht beißt,
und ich schreibe diese Geschichte, um zu beweisen, dass ich sublim bin.

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