Unheimlich

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tiffi
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Re: Unheimlich

Beitragvon tiffi » 16. Juli 2018, 09:51

Kalliope hat geschrieben:Frage ist: was veranlasst Clowns, Clowns zu sein oder zu werden. Vor allem, wenn sie (gerade bei der Hauptzielgruppe Kinder) offenbar nicht wirklich beliebt sind?
Gute Frage. Sadismus? Entertainment?
Sie brauchen das Geld?

Für Gesellschaftssatire ist das ja mit den heutigen Clowns etwas dünn (dieser Peinlichkeitsfaktor).
Und dann sehen Clowns ja auch eher unförmig aus, riesige Schuhe, riesige Nase, dicker Körper, trampelig,
was ich jetzt auch nicht per se lustig finde. Werden da Kinder schon trainiert, da sieht einer
abartig aus und bewegt sich ungeschickt, also lacht? (Schadenfreude?)

Später dann die optisch etwas edleren "Harlekins", die eher traurig geschminkt wurden.
Etwas interessanter fand ich es, wenn Clowns noch jonglieren konnten, also irgendeine Fertigkeit hatten;
aber die Kostümierung hätte auch weg bleiben können.

Wobei dieser ganze Entertainfaktor auf Knopfdruck mir auf die Nerven geht.
So Kinder, ihr werdet jetzt belustigt, dafür habt ihr Schulfrei und wir tun hier was gutes.

Also ich bin auch wirklich schlecht zu unterhalten, wirkt platt und uninteressant und sehe vieles kritisch.
Und ich denke, Clowns haben viel mit Entertainment zu tun, wie sonst auch Fußball, Quizshows oder Stierkämpfe,
und ich find alles so extrem öde und das letzte extrem scheiße. Null Faszination.

Genauso sinnlos Zirkus und Zoo als "Entertainment".
Wenn ein Zirkus da war, bin ich vorher immer zu den Tieren geschlichen,
und denen gehts ja selten gut, ich fühle da eher Mitleid. Und wofür? eine armselige Vorstellung?
Bei Tieren im Zoo hab ich auch zunehmend Beklemmungen gekriegt, weil die wenigsten ja wirklich artgerecht
leben und man soviel Zwangsstörungen beobachten kann.
Kalliope hat geschrieben:Aber ich konnte ja auch nicht über Dick und Doof lachen :-/. Mir fehlt vielleicht da irgendein Humorgen oder es liegt woanders.)
ich auch nicht. ein dummer tolpatschiger und ein dummer rechthaberischer in dummen und
langweiligen Situationen. so what? Ist es lustig, weil der eine den anderen immer demütigt?
Da fehlt mir auch ein Gen, z B auch die Lust an Klatsch und Tratsch, wo man schon irgendeinen Tolpatsch
findet (und das lustig findet).

Aber auch die übliche Kinderbelustigung im TV fand ich eher langweilig. So Michael Schanze Kindersendungen.
Sooo leer hab ich mich jetzt auch nicht gefühlt, dass diese Berieselung irgendeine Verbesserung dargestellt
hätte oder irgendwie nötig oder bereichernd wäre.

PS- aufgrund der Folgen von andauernder Hitze kann es zu zunehmend bissigen Kommentaren kommen.

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Re: Unheimlich

Beitragvon Themis » 16. Juli 2018, 10:15

tiffi hat geschrieben:Werden da Kinder schon trainiert ...
Gerade hatte ich beim Lesen den vielleicht etwas abwegigen Gedanken, dass - wenn Erziehung/Konditionierung durch Clowns angestrebt (?) - die ja auch heißen könnte:

- Auch jemand unmöglich Aussehendes kann ganz nett sein. -> Abbau von Vorurteilen
- Wenn Ihr irgendwie ungewöhnlich seid oder Euch Eure großen Ohren stören, nehmt es nicht so wichtig. Andere haben auch ihre Mängel, und Ihr ja auch Vorzüge. Also seid lieb und nett (und witzig :roll: ), dann achtet keiner auf Eure großen Ohren. -> Selbstakzeptanz und Entwicklung positiver Eigenschaften

Vielleicht wirklich etwas abwegig. Bin heute wohl sehr konziliant gestimmt. :verwirrt:
Everything is nothing, and nothing is everything. (Quelle strittig) :alien:

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Re: Unheimlich

Beitragvon Indigocat » 16. Juli 2018, 11:04

In der DDR gab es die Kunstfigur "Clown Ferdinand". Hab ich als Kind eigentlich recht gerne angeguckt beziehungsweise Schallplatten von ihm gehört. Ihr müsst verstehen, wir hatten nur zwei Sender und meist war der Fernseher von meiner Mutter beschlagnahmt. Es war also immer schön, wenn ich Kindersendungen gucken durfte. Durch die Förderung des Zirkus in den Ostblockländern, besonders zu erwähnen der sowjetische Staatszirkus, war alles, was mit Zirkus zusammenhing, sowieso positiv besetzt. Die Uminterpretation erfolgte mit der Wende.

Die sogenannten Hofnarren waren wohl auch manchmal tragische Gestalten, denen die Mundwinkeln aufgeschlitzt wurden, um ein Dauergrinsen zu erzeugen.
Willst du normal sein oder glücklich? (Robert Betz)

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Re: Unheimlich

Beitragvon Kalliope » 16. Juli 2018, 13:40

@tiffi
Glaube, wir ticken da offenbar recht ähnlich.
Allerdings vermute ich hinter dem Konzept "Clown" doch mehr als nur Entertainment. Laut Wiki hat es ja auch eine historische Entwicklung gegeben und auch regionale Unterschiede.
Clowns, also die Menschen dahinter, sollen nach der Mär ja wohl häufig eher melancholische, traurige Personen sein. Es wäre die Frage, was dann mit dem Clowns-Konzept sich für diese Menschen persönlich dahinter verbirgt, mögliche Kompensationen oder Freiheit(en), die man sich sonst nicht gönnen würde?

Geht vom vom Hofnarr aus, so wäre es der vorgehaltene Spiegel. Ich weiß nicht mehr, ob es Kollegin oder meine Mutter war, jedenfalls trug diese Person ein Shirt mit so einem Clownsgesicht und die Aufschrift "Ihr seid alle Clowns". Mich hat das befremdet und ich wusste auch nicht, was diese Person damit ausdrücken wollte. Vielleicht die allerorten existierenden "Masken", die sie allesamt für lachhaft/lächerlich hielt? Möglich wäre das.
Ich fühlte mich jedenfalls persönlich nicht angesprochen. Ich trage kaum Maske (also im metaphorischen Sinne). Und wenn, dann nur, um andere zu schonen.

Ich kann dem Prinzip, sich selber lächerlich zu machen, nichts abgewinnen. Das finde ich traurig, da kann ich nicht mitlachen. Das hat für mich etwas unerotisch Masochistisches.
Ob Clowns heutzutage noch den gleichen Stellenwert haben wie früher? Früher gab es ja dermaßen harte gesellschaftlliche Korsetts, dass es eine Art Befreiungsschlag sein konnte, bewusst via Clownskostüm oder als Narr sich über all diese Schranken hinwegsetzen zu können.

Heutzutage, zumindest, wenn man in Berlin-Friedrichhain (z.B.) auf die Straße geht, hat man das schwere Gefühl, dass sich das Prinzip eher umgekehrt hat. Jeder versucht, den Oberclown darzustellen, Auffallen und Hyperindividualismus der manierierten Art um jeden (unästethischen bis traurig-lächerlichen) Preis.

Ja, wie gesagt, mir fehlt der Zugang und das Verstehen. Vielleicht kann ja noch wer den Erklärbär machen :).

@Indigocat:
naja, "wir" hatten auch nur 3 Programme (DDR nur den "Schwarzen Kanal" als Lachnummer, bzw. für meinen Vater, der bei uns die Glotze in Beschlag nahm und für uns unter Verschluss hielt, als Aufregenummer).
Den Clown Ferdinand kenne ich also nicht. Wie hast Du ihn wahrgenommen?
Vielleicht gab es ja auch in russischer Tradition eine andere Auffassung vom Konzept Clown? Gab es da überhaupt welche?
Kinderprogramme habe ich nie geschaut in Kindheit. Es gab wohl ab irgendwann dann die Sesamstraße, aber ich war da eh schon mental längst aus dem Alter raus (und war irre verwirrt, dass es Klassenkameradinnen gab, die sich das ernsthaft noch angeschaut haben. Also in einem Alter, in dem ich schon - finsterste - präpubertäre Phantasien hatte. Ich war komplett verwirrt, wie jemand mit Bibo und Co. noch so auf Du sein konnte *kopfkratz*). Zu "meinen" Zeiten gab es Wim Thoelke und Wum und Wendelin, das durften wir schauen. Loriot war "in" und dem mochte ich auch sehr. Heinz Erhard habe ich erst später entdeckt, keine Ahnung, weshalb er uns vorenthalten wurde. Vielleicht, weil er optisch meinem Vater zu nahe kam ;D?
"In Wirklichkeit ist der andere Mensch Dein empfindlichstes Selbst in einem anderen Körper" Khalil Gibran
"Das Ideal einer vollkommenen Gesundheit ist bloß wissenschaftlich interessant. Krankheit gehört zur Individualisierung." Novalis

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Re: Unheimlich

Beitragvon tiffi » 16. Juli 2018, 13:53

Themis hat geschrieben:]Gerade hatte ich beim Lesen den vielleicht etwas abwegigen Gedanken, dass - wenn Erziehung/Konditionierung durch Clowns angestrebt (?) - die ja auch heißen könnte:

- Auch jemand unmöglich Aussehendes kann ganz nett sein. -> Abbau von Vorurteilen
- Wenn Ihr irgendwie ungewöhnlich seid oder Euch Eure großen Ohren stören, nehmt es nicht so wichtig. Andere haben auch ihre Mängel, und Ihr ja auch Vorzüge. Also seid lieb und nett (und witzig :roll: ), dann achtet keiner auf Eure großen Ohren. -> Selbstakzeptanz und Entwicklung positiver Eigenschaften

Vielleicht wirklich etwas abwegig. Bin heute wohl sehr konziliant gestimmt. :verwirrt:

Ist doch interessant, dass bei dir bei den bestehenden Vorurteilen / vorab eher Abwehr*) jetzt auch
positive Assoziationen kommen. Mehrere Perspektiven.

*) edit: hab das gerade nochmal gelesen und weiß gar nicht ob das die richtigen Begriffe sind, da steckt ja
schon eine Wertung und Erklärung drin, dass das Abwehr ist oder ein Vorurteil.
Sauberer ausgedrückt wäre es vielleicht, dass man ein bestimmtes Bild zu Clowns hat, und dass da jetzt
neue Positionen dazu kommen.

Themis hat geschrieben: konziliant gestimmt.

toller Begriff :breites grinsen: :lachen:
Hier kam mir der Gedanke dass die Positionierung dann das Gegenteil vom Advocatus Diaboli sein könnte, aber der Begriff
Advocati Dei gefällt mir nicht, eher sowas wie der Advocat des guten Humanisten, und da komme ich mit der
lat. Deklination nicht mehr hin :lachen: (Advocatus Hominis Bonum? äh nee...)

Ich bin da gerade weit von entfernt und eher geeerrrrreizt :breites grinsen: Alle Feindbilder aktiv und rebellisch....
Aber ist ja nix ein fester Zustand...denk ich mal.

PS- Eigentlich darf dann auch das hier im Thread nicht fehlen Judy Collins - Send In The Clowns


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