Was lest ihr gerade

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Solaris

Beitragvon sdsdsdsv » 25. März 2020, 15:17

Die erste Verfilmung von Solaris, die ich vor zwanzig Jahren sah, erweckte in keinster Weise meine Neugier auf den Roman, auch wenn ich sowohl Tarkowski als auch Lem sehr schätze. Jetzt fiel mir das Buch in die Hände und ich bin wirklich froh darüber. Der Text funktioniert zunächst hervorragend als SciFi Horrorgeschichte und beschreibt dann wunderbar den nüchternen Technokraten der fünfziger Jahre, welcher vor dem Unbekannten und damit vor sich selbst kapitulieren muss. Die endlosen Beschreibungen der wissenschaftlichen Abhandlungen im letzten Drittel dürften für das heutige Publikum bestenfalls ermüdend wirken, mir gefiel die Darstellung des "Forschungsstandes" zur einer unmöglich zu beantwortenden Frage ausgesprochen gut. Thesen, die mal gewagt, mal vorsichtig formuliert wurden, werden aufgegriffen, angegriffen, oder schlimmer: ignoriert bis am Ende dieser langsame Strom aus Aktion und Reaktion dem Plasma des unerklärlichen Wesens gleicht, welchem die wissenschaftliche Aufmerksamkeit gilt, deren respektfordernder Habitus ihre allzu menschliche Angst kaum verbergen kann.

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Re: Was lest ihr gerade

Beitragvon sdsdsdsv » 20. April 2020, 11:29

Blindsight, ein hard-SciFi von Peter Watts ist kostenlos erhältlich. Es geht um eine Expedition an den Rand des Solarsystems, welche Hinweise auf einen Angriff auf die Erde geben könnte. Angeführt wird diese von einem "Vampir", einem dem Menschen überlegenem Wesen, welches schon ausgestorben war und genetisch wieder zum Leben erweckt wurde (ein Spiel mit dem Feuer). Die Geschichte ist zweifellos clever geschrieben und mit einer Menge Recherche verbunden gewesen, aber es fehlt mir ein wenig der Optimismus und das Menschliche. Als die Story den Höhepunkt erreicht, diskutieren die Figuren wie besessen ihren Hauptgedanken, den Nutzen von Bewusstsein, und vernachlässigen die immanente Gefahr, in der sie schweben, was ein wenig skuril wirkt. Das Buch ist voll mit interessanten Ideen zu Technik, menschlicher Entwicklung und Psychologie, aber die Charaktere sind flach und nicht sonderlich sympathisch und die Handlung, so einfach sie ist, nicht leicht nachvollziehbar.

Sternwanderer (eng: Stardust) 1998 von Neil Gaiman, einem der umtriebigsten zeitgenössischen Autoren, ist eines dieser modernen Märchen. Der fehlgeleitete Held begibt sich auf eine sinnlose Reise in ein Märchenland und meistert dort allerlei Gefahren. Das ganze ist unterhaltsam und professionell runtergeschrieben, wirkt aber auch ein wenig beliebig. Die Figuren bleiben einem fremd, weil sie kaum innere Kämpfe austragen und wir selten an ihrem Innenleben teilhaben können. Als der Protagonist z. B. das Einhorn rettet, indem er das richtige tut, geschieht das gleichmütig und ohne, dass er lange überlegen, oder sich überwinden müsste. Woher er die Lösung wohl hatte? Am Ende überzeugt das Buch durch die geschickte Figurenkonstellation, welche Charaktere überraschend verschwinden und wieder auftauchen lässt.

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Re: Solaris

Beitragvon ToWCypress81 » 23. April 2020, 12:49

sdsdsdsv hat geschrieben:Solaris...

Das Buch fande ich auch sehr gut, vor allem in dem Aspekt, das es die Sicht auf Planeten vollkommen neu eröffnete, sprich: das Planeten in jeglicher Hinsicht Materie-unkonform sein können. Vor allem in dem Sinne, wie das auf den Menschen nicht nur physisch sondern auch psychisch beeinflussend, oder sich gar besitzergreifend gestalten könnte.

Dennoch kann ich nicht nachvollziehen, das dieses Werk immer als Lem's erst-best-genannntes Buch von Kritikern hoffiert wird.

"Transfer" fande ich da in jeglichem Aspekt (vor allem psychologisch) noch ein gutes Stück weit herausragender. Sowohl vom Roman-Aufbau, den Szenerien, dem Sprachstil und den Persönlichkeits-Zeichnungen.

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Re: Was lest ihr gerade

Beitragvon sdsdsdsv » 24. April 2020, 15:03

Ja, Solaris eröffnet da eine interessante Perspektive, das stimmt.

Transfer habe ich zufällig erst vor zwei Tagen auf meinen Kindle geladen. Bin schon gespannt, hatte vorher noch nie davon gehört.

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Re: Was lest ihr gerade

Beitragvon Geextah » 23. Mai 2020, 05:43

Die Psychologie der Massen, Gustave Le Bon

Passt perfekt in unsere heutige Zeit und ist insgesamt ein zeitloses Werk.
"Erfindungen bedürfen der ungestörten Ruhe, des stillen, beständigen Nachdenkens und eifrigen Erprobens, und all dies gibt nur die Einsamkeit, nicht die Gesellschaft der Menschen."
- Gerolamo Cardano -

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Re: Was lest ihr gerade

Beitragvon Anhedoniac » 23. Mai 2020, 10:29

"Gewalt ohne Grund - Über die narrative Bewältigung von Amokläufen" von Marco Gerster.

Ist ein kultursoziologisches Fachbuch, was jetzt eher nicht so meine Richtung ist und ich weiß warum. Ist mir insgesamt einfach zu inhaltsleer und viel Gequatsche um den Punkt herum. Möglicherweise interessiert mich die Betrachtungsweise nicht genug, oder ich verstehe den Punkt nicht, aber ich muss relativ viele Seiten überfliegen, auf denen im Grunde nichts gesagt wird.
Na ja, es wird trotzdem noch irgendwie fertig gelesen.

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Re: Was lest ihr gerade

Beitragvon orinoco » 23. Mai 2020, 13:43

John Oller //Jean Arthur: The Actress Nobody Knew//
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Beitragvon sdsdsdsv » 16. Juni 2020, 17:00

Die Rache des Kosmonauten (1956) und das Erstlingswerk Alfred Besters Demolition (1951) sind eine Wucht: Rasante Action, wütende Kerle, und schamlose Übertreibungen geben den Stories Schwung, so dass man bis zuletzt mit den allzu männlichen Helden mitfiebert. Demolition bietet eine klevere Grundidee: Wie überführt man einen Mörder, wenn man weiß, dass er schuldig ist, aber keine Beweise hat, und der zweite Roman lässt einen teilhaben am Rachefeldzug eines Betrogenen. Irgendwo ist auch noch ein humanitärer Gedanke versteckt, der die Action aber nicht stört. Da bleibt kein Auge trocken.

Philip K. Dick: Die rebellischen Roboter ist merkwürdig, ohne interessant zu sein (genau wie der Autor dieses Beitrags, haha!). Nicht zu Ende gelesen.

David Brin: Sonnentaucher: Die interessante Idee, wir tauchen in die Sonne ein, um sie zu erforschen, kombiniert mit einer Art Kriminalfall machen noch kein gutes Buch. Auch wenn der Roman gut bewertet wurde und das Uplift-Konzept Potential hat, fand ich die Handlung an wichtigen Stellen wenig überzeugend, die Figuren flach und die Auflösung sehr durchsichtig. Das Beste daran ist noch die Coverillustration von Tim Burns.

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Re: Was lest ihr gerade

Beitragvon Ghostvoice » 16. Juni 2020, 21:05

sdsdsdsv hat geschrieben:Sternwanderer (eng: Stardust) 1998 von Neil Gaiman, einem der umtriebigsten zeitgenössischen Autoren, ist eines dieser modernen Märchen.
Ich hatte den Roman kurz nach seinem Erscheinen gelesen und war extrem unterwältigt. Neil Gaimans Problem ist, daß er lange Geschichten nicht durchhält. Weshalb seine Romane so grossen Anklang finden bliebe mir ein Rätsel wenn nicht heutzutage weitaus Schlimmeres existieren und in den Himmel gelobt würde.
Dennoch: Neil Gaimans Stärke sind kurze Geschichten - in denen ist er ein kleiner Harlan Ellison. Und schon vor seinem seriösem Romanautor-Image hat er sich mit seinem "Sandman" ein größeres Denkmal gesetzt! Auch nach 3 Jahrzehnten ist diese Serie immer noch Kult und beeindruckt jedes Mal aufs Neue! :)

Da du anscheinend ein Faible für klassische SF hast möchte ich gerne zwei Empfehlungen aussprechen (sofern du sie nicht ohnehin schon kennst! ;) ):

The Forever War - Joe Haldermann

Where the late birds sang - Kate Wilhelm

Beide Roman fand ich auf ihre Weise beeindruckend!
Diese Tür war immer nur für dich bestimmt.Und nun werde ich sie schliessen.

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Re: Was lest ihr gerade

Beitragvon sdsdsdsv » 23. Juni 2020, 11:43

Lems Fiasko habe ich Anfang des Jahres gelesen. Was passiert, wenn wir mal die Besucher darstellen, die Besuchten aber keine Lust haben und sich daneben gegenseitig so sehr bedrohen, dass deren Leben quasi zum Stillstand kommt? Ist eine Kalter-Krieg Parabel, die mal einen interessanten Perspektivwechsel darstellt. Bedrückend.

David Brin: Erde ist in der ersten Übersetzung bestenfalls holprig, meist aber unverständlich. Da werden engl. Ausdrücke direkt ins dt. übertragen, aus discrimination wird Diskrimination statt Diskriminierung, die openings sind Öffnungen statt zu besetzende Arbeitsstellen und es ist leichter die dt. Sätze ins engl. zu übersetzen als zu versuchen den dt. Text zu verstehen. Das tue ich mir nicht an. Die Geschichte an sich beginnt spannend (ein kleines schwarzes Loch befindet sich im Erdinneren und droht nun immer größer zu werden), zerfasert aber in zu viele Handlungsstränge. Es gibt wohl mittlerweile eine bessere Übersetzung.

Ghostvoice hat geschrieben:Ich hatte den Roman kurz nach seinem Erscheinen gelesen und war extrem unterwältigt. Neil Gaimans Problem ist, daß er lange Geschichten nicht durchhält. Weshalb seine Romane so grossen Anklang finden bliebe mir ein Rätsel wenn nicht heutzutage weitaus Schlimmeres existieren und in den Himmel gelobt würde.

So als kleine Fantasy-Geschichte fand ich's ganz nett. :)

Dennoch: Neil Gaimans Stärke sind kurze Geschichten - in denen ist er ein kleiner Harlan Ellison. Und schon vor seinem seriösem Romanautor-Image hat er sich mit seinem "Sandman" ein größeres Denkmal gesetzt! Auch nach 3 Jahrzehnten ist diese Serie immer noch Kult und beeindruckt jedes Mal aufs Neue! :)

Davon schwärmen ja viele. Werde ich mir wirklich mal anschauen müssen!

Da du anscheinend ein Faible für klassische SF hast möchte ich gerne zwei Empfehlungen aussprechen (sofern du sie nicht ohnehin schon kennst! ;) ):
Weiß nicht, ob ich ein Faible habe, versuche das gerade selbst herauszufinden. In meiner Kindheit waren immer mal wieder SF verfügbar, die ich las und nun knüpfe ich daran an. Jetzt bin ich aber viel kritischer. Vielleicht geht diese Phase auch wieder vorüber.

The Forever War - Joe Haldermann

Where the late birds sang - Kate Wilhelm

Beide Roman fand ich auf ihre Weise beeindruckend!


Kommen auf die Liste. Vielen Dank.


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