Direkte Demokratie etc.

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kfm
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Direkte Demokratie etc.

Beitragvon kfm » 25. Juli 2016, 04:05

Hallo alle,

da sich hier ja einige mit Technik und der direkten Demokratie auskennen: hat das mal jemand im kleinen Maßstab getestet?

Es gibt ja ein paar Liquid Democrazy Tools, welche man einsetzen könnte: http://www.linux-magazin.de/Ausgaben/2012/01/Bitparade

Da könnte man dann direkt sehen, ob einem das Prinzip selbst gefallen würde, als Admin z.B. wenn die User einen überstimmen würden.

Da kommen dann interessante Fragen auf, ala:
- Sollte man Stimmen nicht eher gewichten?
- Veto-Recht für bestimmte Personen bzw. Organisationen?
- Was passiert, wenn die Masse einfach dumm ist und von einem Hochstapler manipuliert wird?

Gerade heute noch einen Artikel auf Hackernews gelesen: http://granta.com/why-were-post-fact/

TLDR: Fakten sind heute nichts mehr wert. Es zählt nur noch, wer am meisten Lügen am schnellsten in die Köpfe kriegt, dessen Vorstellungen eh schon stark konditioniert sind. Bezahlte Internet-Trolle, automatische Meinungs-Bots etc.

Eine Vorstellung, die mich bei der direkten Demokratie bedrängt, ist: angenommen, Deutschland hätte nur zwei Bundesländer, Bundesland A hat 10 Millionen Einwohner, Bundesland B hat 20 Millionen Einwohner. Bundesland A ist für die Legalisierung von Drogen, Bundesland B ist dagegen (mit jeweils 90% Stimmenanteil), weil B z.B. sehr religiös und konservativ ist. Dazu will B die Homo-Ehe verbieten und darauf die Todesstrafe verhängen (jaja, ein wenig übertrieben... :teufel: ).

Wenn ich jetzt Einwohner in Bundesland A wäre, würde ich die direkte Demokratie nur akzeptieren, wenn das, was B für richtig hält, keine Auswirkungen auf mich selbst hat. Wie soll man so ein Problem in der direkten Demokratie lösen?

Ich hätte nur Verachtung für solch eine direkte Demokratie übrig, in der engstirnige und leicht zu beeinflußende Menschen "die Macht" hätten. Das beste Staatssystem, welches ich mir vorstellen kann, ist die Technokratie, in der entweder Expertenkommissionen oder Algorithmen die Macht haben, z.B. um eine gerechte und machbare Rente berechnen und dann als Gesetz ratifizieren. Wie hier beschrieben: http://www.zeit.de/2011/48/Kapitalismus-Alternative

Dazu ist die direkte Demokratie von der Demographie abhängig. In den USA kann man es sehr gut erkennen, in einigen Jahren wird dort niemand mehr Präsident, ohne die Zustimmung der mexikanischen Bevölkerung. Der Ausländeranteil in Deutschland steigt auch stetig aus einer Kultur, die alles andere als rechtsstaatlich geprägt ist.

Die direkte Demokratie läuft damit auf eines hinaus: Gebärmutter-Krieg.

Die Lage scheint in Deutschland in der Hinsicht noch nicht gut erkennbar zu sein, aber den Juden in Israel wäre schnell mulmig, wenn die Palästinenser das Rückkehrrecht erhalten und per direkter Demokratie alle jüdischen Entscheidungen aushebeln könnten.

Leider sind wir noch lange keine Technokratie, aber ich warte auf den Tag, bis eine wissenschaftliche Erkenntnis direkt in Gesetz verwandelt wird. Wenn z.B. bislang verbotene Substanzen (LSD, Psyilocybin) bei Depressionen helfen, das man sowas dann direkt per Rezept aus der Apotheke bekommen könnte.

Gedanken?

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Re: Direkte Demokratie etc.

Beitragvon orinoco » 25. Juli 2016, 20:27

kfm hat geschrieben:Gedanken?


Ich kann nur empfehlen sich von der (direkten) Demokratie selbst zu überzeugen. Und das meine ich wortwörtlich.
Das gelingt aber nur wenn man sich darüber informiert wie (direkte) Demokratie funktioniert und wie sie nicht funktioniert und welche konkreten Erfahrungen man damit in den Ländern, die sie kennen, gemacht hat. Ohne wird man sie nicht verstehen und eine Diskussion bringt nicht viel.
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Re: Direkte Demokratie etc.

Beitragvon Nerdstyle » 29. Juli 2016, 13:15

Nuja, hab das verfolgt wie es bei der Piratenpartei gelaufen ist. Recht Chaotisch und am Ende haben sich die Ideologischen Lager bzw Gruppen von konkurrierenden Karrieristen gegenseitig zerfleischt und niedergemacht. Dazu noch das Chaos das Individualistische Spinner, Narzisten und Trolle so verbreitet haben. Fand die Parteitage trotz Basisdemokratie so ziemlich was von unerträglich.

Die Normalos drehen eben völlig durch wenns um Macht, Posten und Geld geht daran wird es scheitern, denke ich da gute Politik eben Rationalität braucht und die ist in der Masse nicht vorhanden. 99% sehen Politik eben nur rein Emotional, die Folge sind dann sinlose Konflikte, Machtkämpfe oder das Durchsetzen von Macht mit Populismus. An der Schweiz sieht man ja das auch Basisdemokratie nur gesteuerte Massenemotion ist, z.B. Ausländerinitiative, oder Brexit in GB.
Basisdemokratie, und die Blochers, Trumps und Erdogans machen dann die Stimmung nach der dann die Masse den Emotionen folgend wählt.

Am besten wäre eine Basisdemokratie in der nur Shizoide und Asperger/Autisten das Wahlrecht haben, ich glaube das würde dann sehr gut funktionieren ;)

Ansonsten wäre evtl eine Diktatur einer wohlmeinenden Künstlichen Intelligenz noch eine zumindest in Zukunft vorstellbare Alternative um die notwendige Rationalität für gute Entscheidungen gewährleisten zu können.
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Re: Direkte Demokratie etc.

Beitragvon Insuffizienz » 26. August 2016, 14:02

In deinen Ausführungen denke ich hast du schon zwei Sachen geschluckt: Das Wirtschaftssystem des Kapitalismus und eine zentralistische Gewalt.
Mich würden radikaldemokratische, kommunistische (selbstverwaltende Gemeinschaften, die zusammenarbeiten) Konzepte nach dem Konsensprinzip ansprechen. Konsensprinzip würde bedeuten, dass keine Entscheidung gegen den Willen der Gemeinschaft durchgesetzt werden kann, wenn mindestens einer ein Veto einlegt. Falls eine Entscheidung notwendig ist, müsste sich die Gemeinschaft z. B. teilen oder der einzelne eine neue suchen, die mehr seinen Ansprüchen genügt. Hier ein (auditiver) Vortrag: https://www.youtube.com/watch?v=5MaOTfbYdzw&list=PLjFwZRQQpaEPYW_HMS01rKDg_aaOjoIwS&index=14

Dass die parlamentarische bzw. repräsentative Demokratie eine Oligarchie ist und nichts mit einer Demokratie zu tun hat, das sollte m. E. einleuchtend sein.

Nerdstyle hat geschrieben:Die Normalos drehen eben völlig durch wenns um Macht, Posten und Geld geht daran wird es scheitern, denke ich da gute Politik eben Rationalität braucht und die ist in der Masse nicht vorhanden.

Wen soll das wundern bei dieser Wirtschaftsordnung? Also eine soziale Revolution, mit der der Kapitalismus beibehalten werden soll, gibt es in meinen Augen nicht. Ich empfehle den Kapitalismus erst einmal zu analyisieren, besonders marxistische Kapitalismus-Kritik ist da dienlich.

LG

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Re: Direkte Demokratie etc.

Beitragvon Clara » 29. August 2016, 11:44

Nerdstyle hat geschrieben: Ansonsten wäre evtl eine Diktatur einer wohlmeinenden Künstlichen Intelligenz noch eine zumindest in Zukunft vorstellbare Alternative um die notwendige Rationalität für gute Entscheidungen gewährleisten zu können.


Und die wohlmeinende KI kommt dann zum (völlig richtigen) Schluss, dass der Egoismus und die Gier der Menschen das größte Problem ist. Und schaltet diese Menschen aus. Und die wenigen Menschen, die dann übrig bleiben, können mit der KI in Frieden und Harmonie zusammenleben... zumindest solange, bis sie die Integrität der KI anzweifeln oder gar eigene Ideen haben.

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Re: Direkte Demokratie etc.

Beitragvon tiffi » 30. August 2016, 21:43

Insuffizienz hat geschrieben:Mich würden radikaldemokratische, kommunistische (selbstverwaltende Gemeinschaften, die zusammenarbeiten) Konzepte nach dem Konsensprinzip ansprechen. Konsensprinzip würde bedeuten, dass keine Entscheidung gegen den Willen der Gemeinschaft durchgesetzt werden kann, wenn mindestens einer ein Veto einlegt. Falls eine Entscheidung notwendig ist, müsste sich die Gemeinschaft z. B. teilen oder der einzelne eine neue suchen, die mehr seinen Ansprüchen genügt.

da gibts wohl auch Elefanten die in so verschiedenen Gruppen unterwegs sind,mit Gruppenwechslern. fand ich als soziale Form ganz interessant und weniger starr (ich mein es war eine Doku über E.s auf Sri Lanka)


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