Erkenntnistheorie, Bezug der Physik zur Realität

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Erkenntnistheorie, Bezug der Physik zur Realität

Beitragvon Grübelmonster » 12. Februar 2016, 23:15

Hallo!

Hab mir über dieses Thema seit Längerem Gedanken gemacht, hab mich schon immer gefragt, welchen Bezug die Wissenschaft, gerade Physik und Mathematik, zur Realität haben, dass das doch eigentlich nur Konzepte und Werkzeuge sind, die in sich zwar sinnig und logisch sind, aber keine Aussage über die Welt haben oder Wahrheiten enthalten, wir dies zumindest nicht wissen können...

Hab da mal nen Artikel zu gefunden, der zu dem Thema so einige Blickwinkel beleuchtet:
http://www.spektrum.de/news/auch-physik ... en/1353710

Hat sich da mal jemand Gedanken zu gemacht?

Liebe Grüße
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Re: Erkenntnistheorie, Bezug der Physik zur Realität

Beitragvon cerebrum » 13. Februar 2016, 00:45

Interessante Frage. Man muss jedoch gleich entgegen halten, dass wenn es um Inhaltsleere geht schon direkt die Philosophie als erstes in Verdacht geraten muss inhaltsleer zu sein. Fast alle philosophischen Probleme sind rein semantischer Natur. Es gibt kaum wirkliche philosophische Fragen, die es wert wäre diskutiert zu werden.
Und wenn man über die Physik philosophiert kann man genauso alles und nichts behaupten, wie wenn man über irgendein anderes Gebiet philosophiert.
Ich denke der Bezug der Physik zur Realität ist ziemlich klar zu umreißen oder zu definieren. In dem Artikel da, den ich noch nicht ganz gelesen habe, wird ja auf Victor Stenger Bezug genommen. Er hat auch ein wunderbares Buch geschrieben: The comprehensible Cosmos. Das geht sehr eindringlich auf genau diese Frage ein. Die Physik liefert Modelle der Realität. Diese Modelle spiegeln nicht die "Wahrheit" wider, sondern die _derzeit nach menschlichem Erkenntnisstand bestmögliche_ Approximation an die "Wahrheit". Jedes Modell (ein Modell setzt sich zusammen aus mathematischer Theorie, Vorhersagen, die experimentell überpüft werden, falsifizierbare Aussagen, experimentelle Grundlage) als Erklärung von bestimmten Naturphänomenen in dem Sinne ist unvollständig. Wir erweitern durch die Forschung stets unser Wissen, unsere Modelle werden vollständiger, aber keineswegs im strengen logischen Sinne "wahr". Ein Beispiel ist die zunehmend ausgeklügeltere Beschreibung der subatomaren Welt. Im Schulunterricht würde der Lehrer häufig das Atommodell an die Tafel malen: http://real-physik.info/fileadmin/user_ ... modell.png
Wir wissen aber längst, dass das "falsch" ist, zumindest müsste man die Bahnen der Teilchen ganz anders einzeichnen, nämlich verschwommen, wenn man das überhaupt zeichnen kann. Sogesehen ist es falsch, aber vielleicht ist es besser zu sagen unvollständig. Durch zusätzliches Wissen wird das Modell vollständiger. Kompletter Blödsinn ist das alte Modell nicht, denn für eine gegebene begrenzte Anzahl von Anwendungsfällen ist es ausreichend. Wie die physikalischen Formeln der klassischen Physik ausreichend sind Menschen zum Mond zu transportieren und zurück. Und es verhält sich auch so mit Erkenntnissen in den anderen Naturwissenschaften. Wenn wir 20 Jahre in die Vergangenheit reisen könnten, wären wir wesentlich schlechter gestellt, wenn wir in einem Krankenhaus behandelt werden müssen. Denn die Medizin vor 20 Jahren beruht auf Modellen, die noch ein wenig unvollständiger sind, als unsere jetzigen Modelle. Entsprechend schlechter sind statistisch die Heilungschancen vor 20 Jahren verglichen mit der heutigen Zeit.

Also so wie du die Frage gestellt hast kann man sie schonmal in eine Richtung klar beantworten. Unzählige technische Erfindungen, der Fakt, dass Flugzeuge in der Luft bleiben wegen einer gut entwickelten Theorie partiellen Differentialgleichungen, Fortschritte in der Medizin, etc.. zeigen, dass hinter jeder abstrakten Wissenschaft enorm viel Substanz steckt. Etwas, dass man täglich mit eigenen Augen beobachten kann. Stuff works, because of Science!!
Das gleiche kann man überhaupt nicht für die Philosophie sagen. Vielleicht ist es entscheidend, dass einer der größten Denker der Philosophie, nämlich Wittgenstein, eine Ausbildung als Ingenieur hatte. Und dieser festgestellt hat, dass philosophische Probleme fast immer Scheinprobleme sind. Reine Semantik.

Beim Übergang von der mathematischen Theorie zur Anwendung auf konkrete Modelle, die man in der Wissenschaft verwendet, passiert aber schon noch etwas. Mathematik an sich hat einen ganz anderen Wahrheitsbegriff als den Popperschen Begriff der Falsifizierbarkeit, der der modernen Wissenschaft zugrunde liegt. Es ist viel strenger in der Mathematik. Und man kann Mathematik betreiben völlig ohne irgendeine Anwendung im Sinn zu haben. Als reines Spiel sozusagen.

EDIT: Nun habe ich auch den Artikel gelesen. Und der "modellabhängige Realismus" spiegelt wohl meine obige Position auch wieder.
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Re: Erkenntnistheorie, Bezug der Physik zur Realität

Beitragvon Geextah » 13. Februar 2016, 08:35

Als Philosoph, muss ich sagen, hasse ich cerebrums Text und auch den Text im ersten Link (zumindest ein bisschen).

Warum? Weil beide leider Punkte beinhalten die man nicht bestreiten kann.

Ich halte die Philosphie als etwas weitaus höheres als die banale Natur- und Rechenwissenschaft, da diese nur so lange ihre Berechtigung haben, wie deren Regeln funktionieren.

Aber - und ich denke das ist was mich persönlich wirklich stört ist: Die Philosophie hat für mich seit Sartre nichts neues hervorgebracht. Es wird ständig über irgendwelche geistigen Vorgänge geschwurbelt, die aber teilweise komplett inhaltsleer sind. Gleichzeitig wird sich auf klassische Philosophen bezogen, weil kein anderer mehr etwas neues dazu beitragen konnte oder zumindest nicht in dem Maße, wie es früher der Fall war.

Die Philosophie als solches ist zum Bürohengstentum geworden und genau das gibt sie weiter und weiter.
Zwar werden noch immer philosophische Fragen gestellt, aber die gleichen wurden schon vor 200 Jahren gestellt.
Die Philosophie tritt schon fast auf der Stelle und bewegt sich kaum noch voran.

Die Philosophen bringen sich auch zu wenig in aktuelle Thematiken ein, um sie vielleicht tiefer zu beleuchten oder kritische Fragen aufzuwerfen.

Zur Frage, dass die Naturwissenschaft keine Wahrheit enthält, kann ich nur bedingt zustimmen. Es stimmt zwar, dass sie Werkzeuge sind und sollten ihre Prinzipien mal nicht mehr greifen, sie nutzlos werden können, aber seit Nietzsche (und auch schon davor) wissen wir, dass es zwar die eine Wahrheit geben kann, wir aber gar nicht im stande sind, sie zu erfassen. Demnach können wir immer nur Teile der Wahrheit erkennen.
Das beduetet aber auch, dass man den Naturwissenschaften einen Teil dieser Wahrheit zugestehen muss.


Doch um mal was einzuwerfen: Ohne die Philosophie, die ja in der Antike in den Bereich der "Physik" fiel, gäbe es die heutige Mathematik und Physik wahrscheinlich nicht. Sie ist also ausschlaggebender und umso bedeutender in ihrem Ursprung, als die heutigen Naturwissenschaften an sich.
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Re: Erkenntnistheorie, Bezug der Physik zur Realität

Beitragvon cerebrum » 13. Februar 2016, 08:56

Ein guter Artikel, der zur Fragestellung passt: http://chem.tufts.edu/AnswersInScience/ ... fWrong.htm

Mit der Naturwissenschaft haben wir jedenfalls einen Prozess, der Resultate produziert. Direkt sichtbare Resultate für aller Augen. Keine Philosophie bringt einen Menschen jemals auf den Mond. Oder hält ein Flugzeug in der Luft. Du kannst in einer Höhle tagelang philosophieren, aber es wird dich keinen Schritt weiterbringen, wenn es darum geht einen Fortschritt zu machen, den man sehen kann. Die Stärke der Philosophie besteht darin wo sie der Beginn der Wissenschaft ist. Nämlich im kritischen Denken, im Hinterfragen und im Widerlegen. Und im scharfen Abgrenzen im Rahmen der Logik (die Gesetze des Denkens sind der erste Anfang der Aussagenlogik und damit der Mathematik).

Ich finde es ärgerlich, wenn ich von Philosophen (oder Theologen) lesen muss, dass die Wissenschaft ja "Grenzen" hat. Dass die Wissenschaft nicht alles beantworten kann etc..
Das ist zwar vermutlich korrekt in gewisser Weise, aber was macht diese Leute so überheblich? Worauf fußt ihr Selbstbewusstsein? Hinter solchem Gedankenmüll steckt immer ein und diesselbe Agenda. Nämlich sich selbst einen Raum zu erhalten für die infantilen Wunschträume. Ein Raum für das "Unerklärliche", "mystische" etc.. Mit anderen Worten, diese Leute treibt kein ehrwürdiges Streben nach Erkenntnis. Sie wollen die Wissenschaft in ihre Schranken verweisen, weil sie ihre infantilen Wunschträume bedroht sehen. Aber sie haben keine Berechtigung dazu ihren Gedankenmüll zu verbreiten. Denn ihre eigene Disziplin hat es zu nichts gebracht. Ihre eigene Disziplin kann keine handfesten, echten und für jeden offensichtlichen Resultate vorweisen, wie es die Wissenschaft kann. Somit ist jeder, der ehrlich an Erkenntnis interessiert ist und sich der Wissenschaft bedient, zumindest klug an. Denn er bedient sich dem einzigen Prozess den die Menschheit kennt, der nachweislich Resultate geliefert hat. Während die Philosophen noch in ihrer Höhle sitzen und vermutlich nichtmal ein Feuer entfachen können. Noch dazu, dass ihre Behauptungen, z. B. die Argumentation gegen materialistische Vorstellung vom Universum keine handfesten Belege haben. Es ist nur Geschwurbel. Eine Seite produziert dieses Geschwurbel, während die andere handfeste Resultate vorzuweisen hat. Sei es "Panmentalismus" oder ähnliches Zeug, was sich diese Schmalspurdenker so zusammenreimen. Das ist traurig. Auch traurig, dass die exakten Wissenschaften, wie Mathematik und Physik so einen schlechten Stand haben gegenüber den Schmalspurdenkdisziplinen. So gilt oft als gebildet, wer gut ist im Goethe zitiert, aber noch nie von Gauss gehört hat oder wieviele Möglichkeiten es beim Lotto gibt, vom Gesetz der großen Zahlen oder unzählige andere, eigentlich triviale alltägliche mathematische Zusammenhänge. So gelten von Grund auf unbebildete, dumme, unintelligente Dummschwätzer in den Geistes"wissenschaften" als gebildet.
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Re: Erkenntnistheorie, Bezug der Physik zur Realität

Beitragvon orinoco » 13. Februar 2016, 13:04

Meine Empfehlung immer wieder: Heinz v. Foersters Kybernetik 2. Ordnung, sein Buch "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" und der radikale Konstruktivismus. Auch nicht schlecht: Paul Watzlawick "Wie wirklich ist die Wirklichkeit".
Ansonsten halte ich es mit Occams Rasiermesser: die einfachste aller widerspruchsfreien Erklärungen ist die beste: Alles ist Zufall i.S.v. engl. random. vordringlich manifestiert in der statistische Interpretation des Entropiesatzes nach Ludwig Boltzmann.
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Re: Erkenntnistheorie, Bezug der Physik zur Realität

Beitragvon cerebrum » 13. Februar 2016, 14:01

Meine Empfehlung immer wieder: Heinz v. Foersters Kybernetik 2. Ordnung, sein Buch "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" und der radikale Konstruktivismus.


Ok, das ist natürlich ein guter Beweis, dass es nicht nur Philosophen sind, die Blödsinn verzapfen und von sich geben.

EDIT: Foerster macht übrigens (unter anderem) den gleichen Denkfehler wie der Literatur-Student in dem Essay von Asmiov, das ich weiter oben verlinkt hatte. Er versteht nicht die "Relativität von Falsch".
Seine ganze These beruht außerdem auf keinem Argument. Er macht eine banale Beobachtung, die jeder weiß. Nämlich, dass Menschen für die äußeren Phänomene der Welt eine interne Repräsentation haben. Die Molekülbewegungen, wie er schreibt, werden übersetzt von den Sinnesorganen in die Wahrnehmung von Geruch, Geräuschen etc.. Nach so einer banalen Feststellung schließt er, dass alles subjektiv sein muss, dass die Realität nicht existiert und wir sie nur konstruieren in unseren Köpfen. Dass es keine Eigenschaften gibt, die unabhängig vom "point of view" des Einzelnen sind und man sogar stets schreiben sollte nicht "es ist so", sondern "ich finde, dass...". Auch das folgt aus nichts was er schreibt. Und ist schlicht unrichtig. Jedes Messinstrument tut übrigens in der Hinsicht das gleiche wie ein menschliches Gehirn, wenn es äußere Phänomene interpretiert und eine innere Repräsentation davon erstellt. Damit erzeugt jedes Messinstrument ebenfalls seine eigene Realität, glaubt man dieser Denkweise. Das ist natürlich Quatsch. Ich frage mich wirklich wie man so einen Unsinn ernsthaft vertreten kann oder sich tatsächlich selbst lange davon überzeugen kann, dass das was man sich da zusammengereimt hat stimmen könnte. Es gibt in der Wissenschaft doch eine unerschöpfliche Quelle von Dingen, die eben unabhängig vom subjektiven Standpunkt sind. Stenger nennt das "point of view invariance" der Modelle in der Wissenschaft. Weiter stört mich an dem Buch, dass er die Thermodynamik benutzt, ohne sie zu verstehen. Es sind unzählige Ungenauigkeiten und mathematische Fehler enthalten. Wenn Konstruktivisten nicht weiterwissen, weil sie gerade widerlegt wurden, führen sie auch oft die Quantenmechanik an. Die sie aber noch weniger verstehen. Auch das wird in dem Buch überdeutlich.
Aber ich will jetzt niemandem abraten sowas zu lesen. Ich wollte nur klarstellen, dass ich solche wirren Thesen für absonderlich halte.
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Re: Erkenntnistheorie, Bezug der Physik zur Realität

Beitragvon Geextah » 14. Februar 2016, 07:52

Natürlich, die Naturwissenschaft bringt umgehend Resultate, wobei es aber auch in der Physik Theorien gibt, die eben nur Theorien sind, doch nach Ergebnissen wird noch gesucht.

Doch bevor der Mensch überhaupt auf den Mond gelangte, war die Philosophie da, die sich fragte, was der Mond ist, ob je ein Mensch auf den Mond gelangen würde, was es für ethisch und moralische Auswirkungen haben könnte, wenn man dabei auf außerirdisches Leben getroffen wäre usw.

Ähnliches könnte man zur Multiversentheorie sagen.

Also das Staunen, Wundern, Theorien aufzustellen "was wäre wenn" und somit wichtige ehtische Fragen zu stellen und zu beantworten, das war alles vorher da und da hätte die Naturwissenschaft nichts zu sagen können. Wahrscheinlich könnte die Naturwissenschaft nicht einmal den Anstoß dazu geben, da ihr das phantastische, das kindliche der Philosophie einfach fehlt.

Ganz unrecht haben Philosophen usw. aber nicht, wenn sie sagen, dass die Wisschanschaft ihre Grenzen hat. Denn die Naturwissenschaften können nur beschreiben wie etwas ist, aber nicht warum etwas ist wie es ist, aber darum geht es eben in der Philosophie auch.

Nur weil man Formeln zusammenschußtern kann, die dann umgehen ein Ergebnis liefern, heißt das noch lange nicht, dass man ein besserer Wissenschaftler ist, als ein anderer, nur weil man schnell ein Ergebnis vorweisen kann, wofür der andere vielleicht mehrere Jahrhunderte oder noch länger benötigt.

Und mal im Ernst: Wie oft am Tag benötige ich eine Gausssche Formel oder wundere mich eher über Gegebenheiten des Alltags? Gauss brauch ich nicht wirklich, das Hinterfragen jedoch gehört direkt zu meinem Leben und Alltag.

Es geht bei der Philosophie u.a. darum den Denkanstoß zu vermitteln, später dann an einem anderen Punkt alles wieder zusammenzuführen und zu schauen, was beim Gesamtbild herauskommt.

Das ist weitaus umfangreicher, als zwei Formeln zu kombinieren und umgehend ein Ergebnis haben zu wollen; zumal man in der Philosophie sehr viele Aspekte zu beachten hat.

Natürlich gibt es auch in der Philosophie Laberkasper, aber die gibt es in allen Wissenschaften.
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Re: Erkenntnistheorie, Bezug der Physik zur Realität

Beitragvon cerebrum » 14. Februar 2016, 08:51

Natürlich, die Naturwissenschaft bringt umgehend Resultate, wobei es aber auch in der Physik Theorien gibt, die eben nur Theorien sind, doch nach Ergebnissen wird noch gesucht.


Und genau diese Theorien sind das mystische und der Teil an der Wissenschaft, die zum Staunen anregt wie es du es ausdrückst... Denn es gibt auch hier Raum für Spekulation. Nur ist es eben eine Form von informierter Spekulation mithilfe der Mathematik, über Fragen, die wohldefiniert sind und nicht vage und unscharf.

Doch bevor der Mensch überhaupt auf den Mond gelangte, war die Philosophie da, die sich fragte, was der Mond ist, ob je ein Mensch auf den Mond gelangen würde, was es für ethisch und moralische Auswirkungen haben könnte, wenn man dabei auf außerirdisches Leben getroffen wäre usw.


Das ist die Stärke der Philosophie, dass sie der Anfang der Wissenschaft ist. Naturwissenschaft nannte man früher ja auch "natural philosophy", also Naturphilosophie. Es ist ein direkter Auswuchs aus dem Hinterfragen nach dem Wie und Warum.

Also das Staunen, Wundern, Theorien aufzustellen "was wäre wenn" und somit wichtige ehtische Fragen zu stellen und zu beantworten, das war alles vorher da und da hätte die Naturwissenschaft nichts zu sagen können. Wahrscheinlich könnte die Naturwissenschaft nicht einmal den Anstoß dazu geben, da ihr das phantastische, das kindliche der Philosophie einfach fehlt.


Ein "Gedankenexperiment" ist genau das.. "was wäre wenn" durchzuspielen. Über die Ethik kann man naturwissenschaftlich wenig aussagen. Zumindest, wenn man das mit dem "naturalistischen Fehlschluss" glaubt. Wobei ich es etwas einschränkend finde die Naturwissenschaft als Bündel von Fakten (relativ wahre Aussagen) über die Welt zu sehen.. Das ist eine unzulässige Vereinfachung, die oft vorgenommen wird. Ein Bündel von Fakten kann natürlich keine Schlussfolgerungen auf ethisch richtiges Verhalten liefern.

Ganz unrecht haben Philosophen usw. aber nicht, wenn sie sagen, dass die Wisschanschaft ihre Grenzen hat. Denn die Naturwissenschaften können nur beschreiben wie etwas ist, aber nicht warum etwas ist wie es ist, aber darum geht es eben in der Philosophie auch.


Immer dann, wenn die "warum"-Frage eine sinnvolle Frage ist, kann auch die Naturwissenschaft viel zur Antwort beitragen. Häufig, vielleicht sogar meistens, ist die "warum"-Frage aber einfach nur eine sinnlose Frage.
Eine weitere Stärke der Philosophie ist, dem Menschen zu helfen sinnvolle Fragen zu stellen und von sinnlosen Fragen abzugrenzen.

Nur weil man Formeln zusammenschußtern kann, die dann umgehen ein Ergebnis liefern, heißt das noch lange nicht, dass man ein besserer Wissenschaftler ist, als ein anderer, nur weil man schnell ein Ergebnis vorweisen kann, wofür der andere vielleicht mehrere Jahrhunderte oder noch länger benötigt.


Er ist ein effektiverer Wissenschaftler, weil er mächtigere Werkzeuge zur Verfügung hat. Und sein Horizont ist viel weiter, weil er tiefer blicken kann. Das ist was die Mathematik erlaubt, einen tieferen Blick. Es sind nicht nur die Zusammensetzung von Gleichungen, es ist die Interpretation der Gleichung und der Theoreme. Wofür sie stehen. was sie aussagen. Das ist vielschichtig und facettenreich. Ich kann von mir selbst sagen, dass ich nach langem Studium der Mathematik einen völlig anderen Blick auf die Welt hatte. Kennst du diese Szene aus Limitless, wo er zum ersten mal diese Pille NZT einnimmt und plötzlich soviel mehr versteht als vorher? Genauso fühlt es sich an.

Und mal im Ernst: Wie oft am Tag benötige ich eine Gausssche Formel oder wundere mich eher über Gegebenheiten des Alltags? Gauss brauch ich nicht wirklich, das Hinterfragen jedoch gehört direkt zu meinem Leben und Alltag.


Ok, erstmal rein _praktisch_ gesprochen. Man kann nicht so leicht verarscht werden. Gerade die Wahrscheinlichkeitstheorie ist das Gebiet, wo die menschliche Intuition total versagt. Darauf ist unser Gehirn nicht ausgerichtet. Wie auch das Nachdenken über gigantische Zeiträume oder in höheren Dimensionen. Ohne Mathematik schafft das unser Hirn nicht. Das Ziegenproblem ist ein gutes Beispiel, wo die Intuition einfach total versagt. Wenn man mathematisch an das Problem rangeht, dann kann man es aber auf viele Arten beweisen oder heuristisch verstehen. Das ist auch etwas: In der Mathematik muss man nicht immer den exakten Beweis haben oder die exakte Formel. Es gibt gute Heuristiken, Abkürzungen.

Aber abgesehen vom praktischen Aspekt, und das verstehen wohl nur die wenigsten, gibt es einen ästhetischen Aspekt. Die Mathematik hat eine beeindruckende Schönheit. Sie hat auch viel mystisches, viele offene Geheimnisse, ungeklärte, aber faszinierende Zusammenhänge. Es ist eine Welt voller Wunder und überraschender Wendungen. Das ist schwer verständlich für die meisten, da sie Mathematik nur aus der Schule kennen. Das ist aber keine richtige Mathematik. Der Lehrer kann nichtmal das einfachste Gebilde korrekt definieren. Was ist die korrekt definition vom Kreis? Es ist der Quotientenraum der ganzzahligen Translationen, \mathbb{R} / \mathbb{Z}. In der Schule hat man aber nicht einmal eine präzise Definition der reellen Zahlen, also wie soll der Lehrer den Kreis definieren? Er tut es nicht. Und er würde es ohnehin nicht verstehen. Das ist noch das geringste Problem. Es ist tragisch, dass alle so vorgeschädigt sind, weil sie in der Schule von Dilettanten ein falsches Bild der Mathematik vermittelt bekamen.
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Re: Erkenntnistheorie, Bezug der Physik zur Realität

Beitragvon orinoco » 16. Februar 2016, 14:45

13. Feb 2016, 14:01 » cerebrum hat geschrieben:
Meine Empfehlung immer wieder: Heinz v. Foersters Kybernetik 2. Ordnung, sein Buch "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" und der radikale Konstruktivismus.


Ok, das ist natürlich ein guter Beweis, dass es nicht nur Philosophen sind, die Blödsinn verzapfen und von sich geben.
[...]
Aber ich will jetzt niemandem abraten sowas zu lesen. Ich wollte nur klarstellen, dass ich solche wirren Thesen für absonderlich halte.


Interessanterweise sehe ich HvF durch deinen Rant gegen ihn geradezu bestätigt. Das ist eben auch nur deine unmaßgebliche, subjektive Meinung, dass es so etwas wie objektive Realtität gibt und das HvF Mist ist (wenn ich dich richtig verstanden habe). Man könnte es auch auch als den Versuch des Beweises einer Objektivität bei dem das Gegenteil heraus kommt bezeichnen. Oder auch als kongenialen Zirkelschluß: "weil ich Recht hab, hab ich Recht." oder "Weil HvF Mist ist, ist HvF eben Mist". Meine gleichermaßen unmaßgebliche Meinung und als ebenfalls studiertem Naturwissenschaftler halte ich es mit Richard Feynman "Nature cannot be fooled" und Irrtümer und (Mess-)Fehler für eine systemimmanente Eigenschaft von Naturwissenschaft, die zur Bescheidenheit und Sorgfalt mahnt und vor allem vor menschlicher Überheblichkeit schützen sollte.
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Re: Erkenntnistheorie, Bezug der Physik zur Realität

Beitragvon cerebrum » 16. Februar 2016, 17:15

Das ist eben auch nur deine unmaßgebliche, subjektive Meinung, dass es so etwas wie objektive Realtität gibt


Das habe ich nicht gesagt bzw. meine "Meinung" dazu dargelegt ob es eine "objektive Realität" gibt. Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass das von HvF vorgelegte Buch inhaltsleer ist was seine Schlussfolgerung betrifft, weil er kein valides Argument vorbringt, außer banale Beobachtungen, die seine eigentliche Aussage aber nicht belegen oder gar domonstrieren. Und viele Fehler enthält.
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